~Kapitel 3~

 

Jonas öffnete eine Tür zum Nebenzimmer, schloß sorgfältig hinter sich ab und legte sein grünes Interfacebrett auf einen Tisch. Er befand sich in einem Beobachtungsraum, der sich direkt neben dem Laboratorium befand und gleichzeitig sein Büro darstellte. An der Wand standen Computerterminals, ähnlich wie im Labor. Jonas aktivierte sie  und überprüfte die Einstellungen des Computers, während dieser die Daten einlas, die er von den implantierten Überwachungsgeräten in den Nacken beider Männer bekam. Der Raum hatte keine Fenster, das wäre zu auffällig für die Beobachtungen im Labor. Außerdem konnte der Raum auch keine Fenster haben, er befand sich mitten im Gebäudekomplex, nur zum Labor und selbst wenn man eine halb durchsichtige Spiegelwand benutzte, so wäre es zu auffällig. Jonas fuhr sich mit der Hand durch die Haare und wandte sich einer Videowand zu, die das Labor zeigte. Er beobachtete die beiden, wie sie miteinander umgingen konnte ihm wertvolle Informationen liefern, für sein nächstes Projekt. Nachdem er genug gesehen hatte, Carter saß noch immer auf dem Stuhl, starrte apathisch in die Ecke, wollte den anderen nicht ansehen, wollte nicht mit ihm umgehen müssen, wandte sich Jonas  wieder seinen Daten zu. Jonas setzte sich an seinen Schreibtisch und rief auf dem Monitor die Biodaten seiner Versuchskaninchen auf. Er wollte herausfinden, aus welchem Grund Carter so lethargisch wirkte, hatte keine Erklärung für dieses Verhalten. Nach Jonas bisherigen Studien sollte er kein solches Verhalten aufzeigen. Jonas bemerkte eine Anomalie im Hormon- und Enzymhaushalt, ebenso wie eine Störung der Elektrolytwerte von Carter, während er von dem anderen noch normale Werte eines bewußtlosen Schläfers erhielt. Der Schreibtisch sah aus, wie in jedem anderen Büro auch, in der Ecke stand ein Glas mit unzähligen Stiften, auf dem Tisch lagen einige Bleistifte auf mehreren Aktenmappen und in der anderen Ecke stand das Foto einer Frau, die einen Hund umarmte. Er vermerkte auf seinem Interface eine Behandlungsmethode für Carter und wollte sich weiteren Studien zuwenden als er an seine beiden Schützlinge dachte, die schon unruhig an den Gitterstäben ihrer Käfige knabberten.

“Euch habe ich ja ganz vergessen, aber keine Sorge Ihr beiden bekommt gleich etwas zu essen”, sagte er sanft und holte aus seinem Schreibtisch einen Teller mit kleinen Käsestückchen hervor. Er nahm den Teller und ging zu zwei kleinen Käfigen, die auf einer Kommode an der Ecke standen. In den Käfigen waren zwei kleine weiße Mäuse, eine hatte einen schwarzen Fleck auf der linken Schulter, die andere über der rechten. Beide Mäuse nagten an den Stäben und sahen zu Jonas hinauf, als er sich mit dem Käseteller näherte. Eine der beiden Mäuse versuchte die Gitterstäbe hinaufzuklettern, dem Geruch des Käse entgegen, während die andere geduldig am Boden wartete.

“Na, ihr beiden seid aber heute ganz schön hungrig”, sagte Jonas während er die beiden Mäuse fütterte. Gierig schlangen die beiden die Käsestückchen hinunter, doch Jonas bemerkte bald, daß eine der beiden einige Stückchen nach einiger Zeit aufhob, so als wollte sie sich später noch etwas aufheben.

“Cleveres kleines Ding”, dachte sich Jonas und öffnete den Käfig. Er fuhr mit dem Finger über den Rücken der kleinen Maus, streichelte sie fast zärtlich. Die Maus hob den Kopf und neckte seinen Finger mit der Nase, so als erwidere sie die Zärtlichkeit.

“Ihr beide versteht mich, meine Süßen”, sagte Jonas und wollte auch die andere streicheln, doch er zog den Finger wieder aus den Stäben heraus, als die Maus nach ihm schnappte. Jonas war in Gedanken versunken und streichelte weiter seine Maus, als das Schloß der zweiten Tür zu dem Raum zufiel. Er zuckte zusammen und drehte sich um. Vor ihm stand Mr. Tyson, der Boß des Unternehmens und seine rechte Hand, ein bulliger Schwarzer mit polierter Glatze, einem Spitzbärtchen und kalten Augen. Jonas straffte seine Gestalt und trat auf beide zu, nachdem er den Käfig wieder geschlossen hatte.

“Nun, Mr. Tyson, was kann ich für Sie tun?”, fragte er unsicher.

“Jonas, wie sind die Fortschritte?” Tyson hielt sich nicht lange mit Vorreden auf, sondern kam gleich zur Sache. Er holte sich eine Zigarre aus der Innentasche seines Jacketts und ließ sich von dem Schwarzen Feuer geben. Tyson setzte sich auf Jonas Stuhl und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarre. Er trug einen dunklen Anzug, Jonas konnte sich nicht erinnern, ihn jemals etwas anderes tragen gesehen zu haben. Der Schwarze hatte seinen Platz einen Schritt hinter Tyson eingenommen und stand wie eine Säule erstarrt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er trug ebenfalls einen dunklen Anzug und das weiße Hemd bildete einen scharfen Kontrast zu dem schwarzen Jackett. Jonas sah noch einmal auf die Videowand und auf die Anzeigen bevor er antwortete.

“Es läuft alles zu meiner Zufriedenheit”, erklärte er selbstsicher ohne dabei selbstgefällig zu klingen. Er versuchte ruhig zu bleiben, seine Nervosität zu verbergen. Wenn Tyson etwas von den Störungen bemerkte...

“Das Experiment verläuft also zu meiner Zufriedenheit”, wiederholte Jonas und fuhr dann fort. “Die Separation ist erfolgreich durchgeführt worden. Er mußte ruhig gestellt werden und ist bei bester Gesundheit”, begann Jonas die Erklärungen mit dem zweiten, der Tysons Interesse stärker betraf. “Ben hingegen ist wie ich es erwartete etwas verunsichert, ängstlich. Er begreift nicht was mit ihm geschehen ist, ich rechne jedoch bald mit der Akzeptanz des Zustandes. Was Peter betrifft”, Jonas verwand Carters zweiten Vornamen für das Spiegelbild, “so ist er aggressiv und stark. Ich muß noch einige Tests machen, bevor ich näheres sagen kann, sobald ich ihn ruhig gestellt handhaben kann.”

Tyson besah sich die Videowand und sah mit echter Faszination die beiden identischen Männer. Er lächelte kühl und berechnend und wandte sich dann dem Monitor auf dem Schreibtisch  zu. Er studierte die Biodaten und Anzeigen, tat so als wüßte er, was sie bedeuteten. Jonas mußte innerlich lächeln, hütete sich jedoch davor, seine Erheiterung offen zu zeigen.

“Halten Sie mich auf dem Laufenden, Doktor”, sagte Tyson und stand auf. Er bedeutete dem Schwarzen, der bis dahin fasziniert die Videowand betrachtet hatte, zu gehen.

“Faszinierend, nicht wahr?” fragte Jonas im Vorbeigehen, doch als Antwort erhielt er nur ein Knurren des Schwarzen, der Tyson aus dem Beobachtungsraum folgte. Als beide gegangen waren, atmete Jonas tief durch. Er konnte Mr. Tyson unmöglich sagen, was die anormalen Biodaten von Ben Carter bedeuteten, und er war froh darüber, daß Tyson dies auch nicht wußte, er hoffte es zumindest, konnte sich aber nicht vorstellen, daß dieser Mann auch nur irgendeine Ahnung hatte, von dem was er in seinem Labor unternahm. Jonas wußte noch nicht einmal selbst, was die Werte zu bedeuten hatten. Er gab der Maus mit dem Fleck auf der rechten Seite noch ein Stück Käse extra und wandte sich dann wieder seinen Studien zu. Er wollte nun die Reaktion der beiden aufeinander studieren und weckte den anderen durch eine Stimulation des Nackenimplantates auf.

 

~Kapitel 4~

Der Bewußtlose lag noch immer in seinen Fesseln auf dem Diagnosebett während Ben auf seinem liegend die Decke anstarrte. Er wirkte apathisch und depressiv, dachte über seine Lage nach. Der Bewußtlose erwachte augenblicklich, der kurze Impuls im Nackenbereich, direkt unter dem Haaransatz, verursachte dies. Er schlug die Augen auf und sah sich aufmerksam um. Mißtrauisch beäugte er jeden Zentimeter, den er aus seiner liegenden Position sehen konnte. Dabei entdeckte er auch die Computerwand und den anderen Mann auf der Liege direkt neben ihm.

“Hey!”

Carter zuckte zusammen. Der eigene Klang seiner Stimme ließ ihn aus seiner Apathie erwachen. Er drehte den Kopf und sah den anderen, der ihn aus kalten Augen anstarrte. Carter richtete sich auf, schwang die Beine über den Rand der Diagnoseliege und ging langsam zu dem anderen hin, wobei er ihn vorsichtig  und nicht ohne eine gehörige Portion Mißtrauen musterte. Er wahrte einen gewissen Abstand als er stehenblieb. Der andere sah sich Carter genau an, als er aus dem Halbdunkel ins Licht trat, er musterte ihn von Kopf bis Fuß, am längsten jedoch blieb sein Blick am Gesicht Carters. Dieser Carter reagierte aber etwas gefaßter als Ben auf sein Ebenbild. Er hielt sich nicht lange mit unnötigen Fragen und Überlegungen an, die die Tatsache in Frage stellten, daß er einen mit ihm identischen Carter vor sich hatte.

“Wer sind Sie?” herrschte er Ben an. “Machen Sie mich los!”

Er bäumte sich auf und zerrte an den Fesseln, so daß Ben einen erschrocken einen Schritt zurücktrat.

“Ben Carter”, sagte er schüchtern. Der andere schüttelte den Kopf.

“Ich bin Ben Carter!” beharrte er.

“Ich bin auch Ben Carter”, erklärte Ben und zog sich einen Stuhl heran, wobei er doch noch einen gewissen Sicherheitsabstand wahrte. “Ich weiß selbst nicht genau, wie er es gemacht hat, aber Dr. Jonas, irgend so ein Genetiker oder so, hat gesagt, daß Sie ich sind, meine andere Seite, geschaffen aus meinen aggressiven Emotionen und Gedanken.”

“Wer ist dieser Jonas?”

“Der Mann den Sie gesehen haben, als Sie das erste Mal aufgewacht sind”, erklärte Ben seinem Ebenbild. Der andere Carter schien darüber nachzudenken, er entspannte sich und bat Ben dann, ihn von seinen Fesseln zu befreien. Ben zögerte, er war sich nicht sicher, ob er dem anderen trauen sollte, doch dann dachte er sich, daß er ihm bestimmt nichts tun würde und kam dann der Aufforderung nach. Er löste die Fesseln der linken Hand und wartete dann ab. Der andere bewegte langsam sein Handgelenk, dann schnellte seine Hand vor und schloß sich unbarmherzig um Bens Hals, der sich überrascht und ängstlich innerlich versteifte.

In seinem Überwachungsraum beugte sich Jonas vor die Videowand. Er war fasziniert von der Entwicklung und studierte die Daten.

“Sie lügen!” stieß der andere gepreßt hervor. “Ich bin der echte Carter. Also, wer sind Sie und ich möchte diesmal eine zufriedenstellende Antwort, sonst bringe ich Sie um!”

“Ich bin Ben Carter”, röchelte Ben. “Sie sind auch Ben Carter und was ich Ihnen gesagt habe entspricht der Wahrheit, es ist das, was ich auch weiß, was mir Jonas gesagt hat.

“Ich glaube Ihnen nicht!” knurrte Carter wütend und drückte fester zu. Ben gab gurgelnde Geräusche von sich und beharrte auf seinem Standpunkt, sofern es ihm bei der abgeschnittenen Luftzufuhr möglich war.

“Mehr weiß ich auch nicht”, blubberte Ben. Er fühlte sich wie ein Fisch auf dem Trockenen und der Griff um seinen Hals lockerte ich nicht, er verstärkte sich statt dessen. “Bitte, lassen...los.”

Carter löste seinen Griff von Bens Hals, worauf dieser einige Schritte zurücktaumelte. Er rang nach Luft und rieb sich den Hals, auf dem sich deutlich die Druckstellen rötlich abzeigten. Carter öffnete die Fesseln von der rechten Hand und richtete sich auf. Er löste die Fußfesseln und setzte sich auf den Rand der Liege, seine Augen wanderten über die Einrichtung, blieben jedoch wieder auf Ben ruhen. Carters Verstand arbeitete messerscharf, er hatte das Gefühl alle seine Sinne geschärft zu spüren. Dennoch glaubte er Ben nicht ein Wort. Carter stand auf und stellte sich von Ben. Beide Männer standen sich gegenüber, wie zwei Spiegelbilder, Zwillinge, mitten im Leben erschaffen. Carter umkreiste sein Gegenüber, sie musterten einander, die Neugier zeigte sich ebenso in ihren Gesichtern, wie Mißtrauen und Furcht. Carter sah vor sich sein Ebenbild, es trug die gleiche Hose und das ärmellose Hemd mit der Doppelhelix, das den Blick auf die Tätowierung freigab, deren Motiv einer sich aufbäumenden Kobra Carter sich selbst ausgesucht hatte. Carter sah die gleiche Frisur und die Narbe über der rechten Augenbraue, die selbe, die er über der linken trug, nach einem Motorradunfall, den er vor einigen Jahren hatte. Carter verstand nicht genau, was geschehen war, dennoch akzeptierte er sein Gegenüber, er konnte nicht verleugnen, was er mit eigenen Augen sah, zumal sein Gegenüber überaus real zu sein schien. Er hob die Hand und rieb sich das stoppelige Kinn. Dabei bemerkte er zum ersten Mal das weiße Plastikarmband an seinem rechten Handgelenk. Er las eine Zahlenfolge auf dem Plastik und seinen Namen: Peter Carter. Sein zweiter Vorname war hier als Vorname gewählt worden. Peter war verwirrt, da sah er aus dem Augenwinkel Ben, der auf seine Liege zu taumelte. Ben fühlte sich schwindlig und stützte sich an seiner Liege. Peter beobachtete ihn, kniff dann argwöhnisch die Augen zusammen. Er fühlte den Blick eines anderen direkt zwischen seinen Schulterblättern.

“Kommen Sie schon raus!” knurrte er verärgert.

Jonas schloß leise die Tür und trat aus dem Dunkel der Ecke hervor. Er hielt sein grünes Klemmbrett vor der Brust und rückte sich die Brille zurecht. Dann atmete er tief durch und näherte sich beiden Carters, wobei er die Anzeigen auf dem Interfacebrett im Auge behielt. Er registrierte beunruhigende Werte von Ben und wandte sich zunähst ihm zu. Dennoch war er sich nicht sicher, ob er Peter wirklich den Rücken zukehren sollte.

“Legen Sie sich hin, Mr. Carter”, sagte er zu Ben, was dieser zu gern befolgte. Jonas nahm einen Scanner vom Tisch und umkreiste damit den Kopf Bens. Die Daten verunsicherten ihn ein wenig, es hatte ganz den Anschein, als würde sich sein Experiment nicht ganz so entwickeln, wie er es sich erhofft hatte. Peters Daten blieben jedoch stabil. Peter sah sich die Situation an und wandte sich an Jonas.

“Dr. Jonas, nehme ich an”, sagte er drohend. “ich verlange von Ihnen eine Erklärung. Was haben Sie mit mir gemacht?”

“Ich kann Ihnen nur sagen, Mr. Carter”, Jonas drehte sich um, “daß Ben Ihnen die Wahrheit gesagt hat, sofern er verstanden hat, was ich ihm erklärte. Entschuldigen Sie kurz.”

Jonas ging zum Wandschrank, der sich durch Stimmidentifizierung öffnete. Jonas holte eine kleine Ampulle mit klarer Flüssigkeit hervor und füllte einen Injektor damit. Dann nahm er noch eine Ampulle und füllte einen zweiten Injektor mit einer hellblauen Flüssigkeit. Der Schrank schloß sich wieder und ein Computer registrierte die Entnahme. Der Doktor injizierte Ben die klare Flüssigkeit, dann wandte er sich wieder Peter zu, die andere Spritze in der Hand. Peters Augen weiteten sich.

“Was ist das?” Peter beäugte den Injektor mißtrauisch, doch Jonas beruhigte ihn, er versuchte es zumindest.

“Ein kreislaufstimulierendes Mittel, Sie werden sich danach etwas besser fühlen”, sagte er. “Ich habe Ben auch ein ähnliches Mittel gegeben, es wird ihm schon bald besser gehen.”

Peter ließ sich die Spritze geben, glaubte dem Doktor jedoch nicht ganz.

“Was ist mit ihm? Kann mir das auch passieren?” forderte er Jonas auf, ihm zu erklären.

“Er ist nur etwas schwächer, als ich angenommen hatte”, log Jonas. “Ich bin sicher, daß sich das nach ein paar Tagen legen wird, die Separation ist ein anstrengender und hochexperimenteller Prozeß. Ich denke nicht, daß Ihnen etwas ähnliches passieren wird.”

Peter entspannte sich ein wenig, dennoch spürte er, daß ihm Jonas die Wahrheit vorenthalten hatte. Er kannte den Grund für das Gefühl nicht, ebensowenig, wie den Grund für die Lüge.

Ben atmete ruhig und gleichmäßig, während seine Gesichtsfarbe zurückkehrte. Er wollte aufstehen, wurde jedoch von Jonas bestimmt zurückgehalten.

“Bleiben Sie liegen”, sagte Jonas, was Ben gerne beherzigte, begann sich doch alles um ihn herum zu drehen. Jonas warf  noch einen Blick auf die Anzeigen des Diagnosescanners, legte ihn dann auf den Tisch. Er holte dann eine Spritze und stach die Nadel in Bens Armbeuge, die er zuvor nach einer Vene abgetastet hatte. Peter sah mißtrauisch zu, wie sich die Ampulle langsam mit dunkelroter Flüssigkeit füllte, als Jonas eine Blutprobe nahm. Der Arzt markierte die Probe, stellte sie weg und wandte sich dann Peter zu.

“Von Ihnen benötige ich auch eine Blutprobe”, sagte Jonas und näherte sich Peter mit der Nadel. Peter wich zurück.

“Wieso?” fragte er und in seiner Stimme schwang deutliches Mißtrauen mit.

“Ich möchte ganz sicher gehen, daß diese Schwäche keine Folge des Separationsvorganges ist.”

“Warum glauben Sie das?” wollte Peter wissen, er glaubte Jonas noch immer nicht. Peter hatte Ärzten noch nie getraut und er war froh darüber, seinen gesunden Menschenverstand durch dieses verwerfliche Experiment nicht verloren zu haben.

“Ich möchte einige Tests machen”, erklärte Jonas und bemühte sich um einen vertrauenswürdigen Tonfall. “Ich werde Ihnen versprechen, die Ergebnisse ohne sie zu beschönigen Ihnen mitzuteilen.”

Peter streckte bereitwillig seinen Arm Jonas entgegen. Er spürte einen kleinen Stich, als Jonas ihm Blut abnahm. Peter fühlte ein ungewisses Kribbeln, als er das Blut in die Phiole floß. Er spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten, als er das Blut zu riechen glaubte. Fasziniert sah er auf die kleine Kuppel roten Blutes, die sich bildete, als Jonas die Nadel aus dem Fleisch zog.

“Drücken Sie bitte mit dem Zeigefinger drauf und beugen Sie den Arm”, befahl Jonas. Der Arzt markierte die zweite Ampulle und nahm beide. Er schüttelte sie und hielt sie hoch. Sie sahen oberflächlich betrachtet identisch aus und der Wissenschaftler war sich sicher, daß sie auch in genetischer Hinsicht identisch waren. Er ließ beide Phiolen in die Tasche des Labormantels gleiten und überließ sein Experiment wieder sich selbst. Jonas ging durch die Seitentür wieder in sein Labor neben dem großen Observatoriumsraum. Peter überließ seinem “Zwilling” die Diagnoseliege und nutzte die Gelegenheit, sich das Labor genau anzusehen. Er fühlte sich eingesperrt und das machte ihn nervös. Er fühlte sich wie ein Tier, das im Käfig auf und ab ging und wollte um jeden Preis ausbrechen. Dies war sein einziger Gedanke gewesen, seit er aufgewacht war, obgleich er noch immer nicht genau wußte, was mit ihm geschehen war. Mit den Computerterminals konnte er nichts anfangen, da sie ihm die Türen nicht öffnen würden. Die einzige Fluchtmöglichkeit war die  Tür, doch diese erwies sich als verschlossen, obwohl Jonas beim Gehen sie nicht abgeschlossen hatte. Sie ließ sich nur mit einem Handflächen- sowie Retinalscan öffnen. Peter sah sich um. Er hatte zwar nie viel von Computern gehalten, doch er fühlte instinktiv, wie er sie nutzten konnte und das nur, aufgrund der Tatsache, daß er Jonas bei der Bedienung zugesehen hatte. Er sah jedoch keine Möglichkeit, die Türsicherungen zu umgehen, also sah er sich nur die Kurven an. Die Beschriftungen verrieten ihm, daß es sich um die Werte von ihm und den “Zwilling” handelte. Er wußte nicht, was sie bedeuteten, doch selbst er als Laie wußte, daß die Kurven von Ben schwankten und niedrig waren. Seine Kurven zeigten einige Spitzen und Schwankungen, die ihm aber nichts sagten, er aber als normal interpretierte, da sie über einigen roten Linien lagen. Die von Ben waren niedrig und knapp über einigen Minimalwerten. Sie waren nicht gut. Peter sah zu Ben hinüber, der auf der Diagnoseliege lag und die Decke anstarrte. In Peter begann  sich ein Gefühl der Besorgnis zu regen, etwas völlig neues. Er verdrängte es wieder. Für ihn hatte Priorität, den Ort an dem er sich befand schnellstmöglich zu verlassen, egal wo auch immer dieser Ort war. Peter suchte jeden Zentimeter ab, und kam letztendlich zu dem Schluß, daß die einzige Möglichkeit zur Flucht die Tür war. Peter spürte einen Blick auf ihm ruhen, ahnte, daß er beobachtet wurde.

 

~Kapitel 5~

 

Jonas sah beiden durch den halbdurchsichtigen Spiegel und über einige Kameras zu. Zufrieden registrierte er, daß bei Peter die Instinkte zum Überleben und zur Flucht besonders ausgeprägt waren. Er schenkte sich ein Glas Wasser ein und tippte seinen Bericht weiter in einer gesicherten Datei seines Computers ab. Er wollte keinesfalls riskieren, daß Mr.Tyson herausfand, daß das Experiment nicht ganz so gelaufen war, wie er es ihm glauben machen wollte. Jonas hatte genau darauf geachtet, den Schreibtisch so aufzustellen, daß er nicht von der Überwachungskamera über die Schulter gesehen werden konnte. Jonas überprüfte den Raum täglich, ob Mr.Tyson nicht doch eine Kamera hatte installieren lassen, er tat dies unbemerkt von den anderen Kameras, er traute diesem Mr.Tyson einfach nicht. Jonas nahm einen großen Schluck Wasser um die trockene Kehle zu befeuchten. Er wollte nicht daran denken, was passierte, wenn Mr.Tyson herausfand, daß er ihn belogen hatte. Er wollte auch nicht wissen, was mit seinem Vorgänger passiert war, daß er schon in so jungen Jahren die Leitung eines der wichtigsten Projekte übertragen bekam. Er unterbrach jedoch den Bericht und stellte den Videoschirm wieder an um sein jüngstes Projekt zu beobachten. Jonas holte sich aus dem Schrank eine Tüte Popcorn, die er sich am Vormittag aus der Cafeteria besorgt hatte und legte die Füße auf den Tisch. Er wischte die Bedenken weg, die Gedanken an Mr.Tyson und seinen Pitbull und sah sich die Übertragung aus dem Laboratorium an, als ob es ein Kinofilm sei.

Peter lief noch immer auf und ab, wie ein Tiger im Käfig. Ben erhob sich langsam und saß mit hängenden Schultern auf der Diagnoseliege, die Beine baumelten über den Rand. Er beobachtete Peters Bemühungen mit gemischten Gefühlen. Auch er wollte aus dem Labor entkommen, doch er war schwach und fühlte in seinem Inneren, daß er nicht fähig war, zu fliehen.

“Laß es bleiben”, sagte er leise an Peter gewandt. “Ich glaube nicht, daß man uns hier so einfach herausspazieren läßt, du etwa?”

Peter ignorierte ihn und nahm seinen Rundgang durch das Labor wieder auf, den er kurz unterbrochen hatte, um sich nochmals die Computermonitore anzusehen. Jonas in seinem Labor wandte sich vom Monitor ab und begann einige Tests mit den Blutproben der beiden. Er wollte einige Widerstandswerte bestimmen und die DNA analysieren.

Peter hatte es aufgegeben, nach einer Möglichkeit durch die Türe zu entkommen zu suchen, nachdem er zum wiederholten Male einen elektrischen Schlag von ihr bekommen hatte. Er setzte sich auf die Diagnoseliege Ben gegenüber. Er weigerte sich dennoch den anderen mit seinem Namen anzusprechen, geschweigedenn anzuerkennen.

“Ich werde von hier abhauen”, sagte er bestimmt. “Ich finde einen Weg, denn hier hält mich nichts. Wenn du willst, kannst du ja mitkommen, aber ich glaube nicht, daß ich dich durchschleppen werde. Ich verhelfe dir zur Flucht, aber den Rest muß du schon selbst erledigen.”

Ben zuckte mit den Schultern und nickte dann matt. Er fühlte sich durch die Medikamente, die ihm der Doktor gegeben hatte, zwar etwas stärker, dennoch nicht so fit, wie sonst. Ben konnte sich nicht mehr genau erinnern, was er zuvor getan hatte, bevor er in dem Raum aufgewacht war, er wußte nur, daß er sicherlich nicht freiwillig zu diesem Experiment seine Einwilligung gegeben hatte. Peter hatte es schließlich aufgegeben, sich weiterhin mit der Türe zu beschäftigen, er suchte statt dessen in den Geräten, die er zur Verfügung stehen hatte, eine Möglichkeit zu finden, die es ihm ermöglichen würde, aus diesem verdammten Labor zu entkommen. Er kannte sich nicht mit Computern aus, also war es wohl unnötig, sich mit den Terminals zu beschäftigen. Peter entdeckte, daß der gute Doktor seinen Interfaceblock auf dem Tisch vergessen hatte. Vorsichtig näherte er sich dem Gerät, da er sich nicht ganz sicher, war, welche Absicht Jonas damit bezweckte. Wollte er sie nur testen, aber seine angeborene Neugier, war sie wirklich angeboren, veranlaßte ihn dazu, sich die Notizen genauer anzusehen. Wenn er schon keinen Weg aus dem Labor finden konnte, so hoffte er doch wenigstens herausfinden zu können, was er mit ihm gemacht hatte. Peter nahm das grüne Klemmbrett an sich und überflog die Anzeigen. Er konnte mit den Kurven nicht viel anfangen und tat sie mit einem Knurren ab. Die schriftlichen Vermerke waren es, die seine Aufmerksamkeit erregten, denn sie indizierten, daß dieses Experiment wohl nicht so verlaufen war, wie es sich Jonas gewünscht hätte. Peter überflog die Schlußfolgerungen und legte dann das Brett wieder zurück, wobei er sich nicht die Mühe machte, es aussehen zu lassen, als habe er die Ergebnisse nicht gesehen. Jonas überwachte sie sicherlich per Videokameras.

“Gib es doch auf, du kannst nichts tun”, versuchte Ben ihn nochmals von der Unsinnigkeit seines Tuns zu überzeugen, doch damit stieß er auf taube Ohren, äußerst wütende Blicke und grimmiges Knurren.

 

Jonas sah sich einige Proben unter dem Mikroskop an und runzelte die Stirn. Er veränderte die Auflösung und nahm eine andere, um sie mit der aktuellen zu vergleichen. Im Hintergrund ertönten die Klänge einer Rockband und Jonas summte mit im Takt. Er wollte seine Erkenntnisse zu den anderen Schlußfolgerungen eintragen, da bemerkte er das Fehlen seines Interfaceblockes.

“Muß ihn wohl im Büro gelassen haben”, murmelte er vor sich hin. Er machte sich in Gedanken die Notizen, die er später in den Block übertragen wollte und wandte sich seinen Proben unter dem Mikroskop zu. “Was zum Teufel?” er richtete sich überrascht auf und sah dann nochmals die Probe an. “Das ist doch unmöglich!” entfuhr es ihm, doch die Probe unter der Linse bewies ihm das Gegenteil. Die Zellen des Blutes schienen sich zu zersetzen, er mußte sich eine neue Probe holen, um mit seinen Untersuchungen und Tests fortfahren zu können. Jonas nahm die Reagenzgläser und die Proben unter dem Mikroskop heraus und stellte sie in den Kühlschrank, hoffend, daß er dadurch dem Zellzerfall entgegenwirken konnte. Dann setzte er seine Schutzbrille ab und schoß die Gummihandschuhe mit einer eleganten Bewegung in den Mülleimer. Der Arzt nahm seine Brille vom Tisch und schob sie sich auf die Nase, schaltete den kleinen Radiorecorder aus und setzte sein professionelles Lächeln auf, bevor er zu seinen beiden “Patienten” zurückkehrte. Peter beäugte ihn argwöhnisch von der anderen Seite des Raumes, als Jonas eine Blutprobe seines “Zwillings” Ben nahm. Der wirkte lethargisch und blickte aus müden Augen ins Leere. Jonas lächelte ihm zuversichtlich zu und wollte sich dann Peter zuwenden.

“Würden Sie mir Ihren Arm geben, Peter?” bat Jonas und legte die Blutprobe Bens, die er zuvor markiert hatte, auf den Tisch neben dem Diagnosebett. Peter näherte sich dem Arzt vorsichtig und streckte ihm seinen Arm hin, so daß er die Blutprobe nehmen konnte, was er dann auch tat. Als er sich umdrehte, um die Probe zu kennzeichnen und wegzulegen, nutzte Peter seine, wie er glaubte einzige Chance, dem Labor zu entkommen. Jonas sah nicht, daß Peter von hinten an ihn herantrat, er spürte, daß etwas nicht stimmte, doch auf den Angriff war er nicht gefaßt. Peters Arm umfaßte seinen Hals und er drehte dem Arzt brutal den Arm auf den Rücken. Ben sog hörbar die Luft ein, doch auch er hatte nicht die Kraft, seinen “Zwilling” aufzuhalten, er war sich nicht sicher, ob er dies wirklich wollte. Die Phiole mit Peters Blut fiel mit einem leisen Ping auf den Tisch und rollte hin und her, bevor sie liegen blieb. Jonas spürte, wie sich ihm der Hals zuschnürte, er rang nach Luft.

“Sie werden mir jetzt helfen, von hier wegzukommen!” knurrte Peter wütend.

“Ich kann nicht”, röchelte Jonas. “Lassen Sie mich...”

“Falsche Antwort, Doktor!” sagte Peter gefährlich und drückte fester zu. Jonas spürte den Atem des Mannes an seinem Hals und die Panik in sich aufsteigen.

“Ich...kriege...keine Luft...” Jonas versuchte zu atmen, doch es war als ob Peter mit jedem Versuch des Arztes Luft zu holen, seinen Griff um dessen Hals verstärken würde. Peters stahlharter Griff schloß sich immer fester um den Hals und Jonas verlor schließlich das Bewußtsein. Peter spürte, wie Jonas in seinen Armen erschlaffte und schleifte ihn zur Tür.

“Was machst du da?” fragte Ben entsetzt von solcher rohen Brutalität.

“Na, ich verschaffe uns einen Ausgang, was denkst du denn?” erwiderte Peter ärgerlich, dann ignorierte er den anderen und beeilte sich, dem Labor zu entkommen, bevor jemand Verdacht schöpfen würde.

“Öffne die Türe”, sagte er in das Mikrofon neben der Türe und ahmte dabei Jonas Stimme nach. “Autorisation, Dr. Jonas.”

“Bitte legen Sie die Hand auf das Identifizierungsfeld”, verlangte eine weibliche Computerstimme freundlich. Peter hob Jonas‘ Hand und preßte sie auf das Identifizierungsfeld. Die Handfläche wurde von einem Lichtstrahl gescannt und Peter gestattete sich ein Lächeln. Diese Leute hatten sicherlich Unmengen an Geld ausgegeben, um die Sicherheitseinrichtungen so zu installieren, daß sie verhindern sollten, was er gerade im Begriff war, zu tun. Sie auszutricksen nämlich und wie es schien, mußten die Verantwortlichen wohl noch mehr Geld ausgeben, doch Peter zweifelte nicht daran, daß es selbst dann wieder jemanden geben würde, der sie eines Besseren belehren würde.

“Identifikation positiv”, sagte die Stimme im gleichen Tonfall wie zuvor. “Dr. Jonas, Michael. Bereitmachen für Retinalscan.”

Neben der Türe glitt eine Metallplatte beiseite und machte den Blick auf einen roten Lasersensor frei. Peter hob die schlaffe Gestalt Jonas‘ hoch und öffnete dem Bewußtlosen ein Augenlid, bevor er das Auge vor den Sensor hielt. Ein roter Laser tastete das Auge ab und die Voderstimme bestätigte abermals die Identität Jonas‘. Peter ließ den Arzt zu Boden sinken.

“Na hoffentlich gibt es hier nicht noch mehr von diesen Dingern”, wandte er sich an den Arzt, als er ihm seine Codekarte vom Kittel riß. “Ich würde Ihnen äußerst ungern ein Auge entfernen müssen. Dies ist die einzige Chance, die wir haben”, rief er Ben zu. “Komm mit oder bleib hier. Ich gehe jedenfalls!”

Peter lugte auf den Flur und vergewisserte sich, daß der Flur leer war. Dann bog er nach links ab. Er hatte zwar keinerlei Ahnung, welches der Weg nach draußen war, doch er wollte dieses Risiko eingehen. Ben stützte sich von der Diagnoseliege ab und folgte Peter auf den Flur. Auch er wußte nicht, in welcher Richtung der Ausgang war, doch er folgte dem anderen mit einigem Abstand. Die Flure schienen endlos zu sein, alle waren weiß gestrichen, es führten viele weiße Türen in Labors oder Büros, doch keine schien der Weg in die Freiheit zu sein. Jeder der Flure war hell erleuchtet mit Halogendeckenleuchten, doch sie waren überraschenderweise alle leer, ebenso wie das Treppenhaus, das sie auf dem Weg nach unten passierten, denn Peter wollte nicht riskieren im Aufzug geschnappt zu werden. Peter war der schnellere von beiden und führte, gelegentlich blieb er stehen und versuchte sich zu orientieren, was ihm auch gelang. Ben hingegen hatte schon lange die Orientierung verloren. Plötzlich hörten beide Stimmen, die aus einem der anderen Gänge zu kommen schienen. Peter blieb stehen, so abrupt, daß Ben beinahe mit ihm zusammengestoßen wäre.

“Paß doch auf!” fauchte Peter, in seinen Augen funkelte etwas das Ben nervös machte.

“‘tschuldigung”, nuschelte Ben. Beide Männer verharrten und warteten darauf, daß einige Wissenschaftler, die in ein intensives Gespräch vertieft waren, in dem Parallelkorridor an ihnen vorbeigingen. Sie bemerkten die beiden jedoch nicht. Für Peter unterhielten sie sich über etwas belangloses, einer lachte. Er atmete erleichtert auf, als sie außer Hörweite waren und lugte vorsichtig um die Ecke. Als der Flur wieder leer war, setzte er sich wieder in Bewegung. Sein “Bruder” Ben entschloß sich, ihm weiterhin zu folgen. Er stolperte Peter nach, als dieser einen weiteren identischen Korridor entlangrannte. Am Ende des Korridors kamen beide vor einer Glastüre zu stehen, die selbstverständlich verschlossen war. Hinter der Türe konnte Peter den Ausgang des Gebäudes erkennen, der Eingangsflur war überraschenderweise auch leer, was Peter doch ein wenig verwunderte. Vielleicht war der Mann am Empfang gerade mal im Badezimmer, dachte Peter und verwarf weitere Überlegungen über die Ursache. Wichtig war für ihn nur, daß niemand zwischen ihm und der Freiheit stand, aus welchem Grund auch immer und nur das zählte. Hinter ihm hörte er wie Ben nach Luft ringend an der Wand lehnte. Er grinste breit und zog dann die Codekarte von Jonas durch das elektronische Schloß und nach einem leisen Piepen glitt die Türe mit einem sanften Zischen auseinander. Es war genauso leicht, wie bei den anderen Türen.

“Einen schönen Tag noch, Dr. Jonas”, wünschte die Voderstimme, die beide Männer jedoch ignorierten. Sie rannten durch die Eingangshalle dem Ausgang entgegen. Peter stieß die Türe auf, ihm war es zu langsam, die Drehtüre zu benutzen und atmete tief durch. Das war Freiheit, die er tief in sich einsog. Er fühlte, wie jeder einzelne seiner Sinne wie geschärft wurden und einen ungekannte Wahrnehmung über ihn einbrach. Er konnte die Sonne warm auf seinem Gesicht spüren, Vögel in großer Entfernung hören und die Erde des Waldes riechen. Peter streckte sich kurz und begann dann sich in schnellen Schritten dem nahen Waldrand zu nähern. Das Haus, in dem sich das Laboratorium befunden hatte, war wohl abgelegen von der Stadt in einer Lichtung des Waldes errichtet worden, überlegte Peter, dann konzentrierte er sich wieder auf die Flucht. Ben folgte ihm atemlos. Als sie den Schutz des Waldes erreichten und eine ganze Weile lang gerannt waren, stoppte Peter und packte Ben an den Schultern. Der schnappte nach Luft und sah panisch in die Augen des anderen, die seine eigenen waren.

“Hör mir jetzt gut zu”, Peter sprach leise und das ließ ihn irgendwie gefährlich klingen. “Ich habe dich aus dem Labor gebracht, aus dem verdammten Labor. Aber jetzt werden wir unsere eigenen Wege gehen, ich will dich nicht als Klotz am Bein haben, kapiert?”

Ben nickte nervös, etwas in den Augen und an dem Verhalten Peters machte ihm Angst. Seine Augen blickten ihn durchdringend an, sie waren wild und voller Feuer.

“Hier trennen sich unsere Wege, Kumpel”, fuhr Peter eindringlich fort. “Ich gehe dort entlang und du egal wohin, aber auf jeden Fall in die andere Richtung.”

Peters Augen huschen umher, suchten den ganzen Platz ab, dann verschwand er im Wald in der Richtung, die er Ben zuvor gezeigt hatte. Ben lehnte sich erschöpft an einen Baumstamm, er atmete tief ein. Peter hatte ihm einen Höllenschrecken eingejagt, an ihm war etwas anders geworden, er hatte sich verändert, seit er aus dem Labor geflohen war. Ben kam es so vor, als sei er wilder geworden, noch wilder als zuvor, so als seien irgendwie beinahe tierische Sinne in ihm geweckt worden. Ben war aufgefallen, daß er seinen Blick umherschweifen ließ und seine Nasenflügel flatterten, so als würde er sich nach dem Geruch orientieren und das fand er außergewöhnlich. Ben schnupperte, doch er konnte nichts besonderes riechen, nichts, was ihm irgendwie verraten würde, wie er den Weg zur Straße finden konnte. Dann glaubte er in der Ferne Hunde bellen zu hören und stolperte weiter durch das Unterholz. Auch für den Fall, daß er sich geirrt haben konnte, war er nicht bereit, dieses Risiko einzugehen.

 

~Kapitel 6~

 

In seinem Büro saß Mr. Tyson hinter seinem großen dunklen Mahaghonischreibtisch und legte die Fingerspitzen aneinander. Er hatte seine Zigarre in seinem schweren Aschenbecher abgelegt und der Rauch wanderte in Richtung Decke, wobei er Schlieren blauen Dunstes bildete. Weder Mr. Tyson noch seinen ständigen Begleiter, seine rechte Hand, der den Spitznamen “Pitbull” innehatte, schien das zu stören. Mr. Tyson lächelte, doch die bei anderen Menschen Vertrauen erweckende Geste wirkte bei ihm gefährlich. Wenn Mr. Tyson lächelte, dann hatte dies meist nichts gutes zu bedeuten und bei Mr. Tyson war ein Lächeln etwas, das ihm den Gesichtsausdruck eines Wolfes verlieh, der gerade ein Schaf verspeist hatte. Der Grund für seine Erheiterung war auf einer Videowand zu sehen, die an der Wand angebracht war und für die normalen Gäste seines Büros sonst nicht zu erkennen blieb, da sie sonst die perfekte Illusion eines Gemäldes zeigte. Die Mitarbeiter hatten stets das Gefühl beobachtet zu werden, sie wußten, daß jede ihrer Bewegungen überwacht wurde, doch sie fürchteten es laut auszusprechen, da sie fürchteten, gehört zu werden. Es gab das Sprichwort, daß Wände in manchen Gebäuden Augen und Ohren hätten, doch für diesen Komplex traf dies mit Sicherheit zu. Mr. Tyson war geradezu erfreut darüber zu sehen, daß sein Experiment sich zu seiner vollsten Zufriedenheit entwickelte. Über verschiedene nicht offen sichtbare Kameras verfolgte Mr. Tyson die Anstrengungen der beiden aus dem Komplex zu entkommen, von dem überaus innovativen Nutzen Jonas‘, den er mit einem zufriedenen Lächeln anerkannte bis zu dem Weg zur Eingangshalle. Er beobachtete beide genau und verfolgte sie solange, bis sie das Haus verlassen hatten und im Wald verschwanden. Es war beinahe so, als hatte er keinerlei Bedenken, sie könnten ihm entkommen. Danach sah er wieder in das Labor, wo Jonas gerade aus seiner Bewußtlosigkeit erwachte und sich an den Hals greifend aufrichtete. Jonas schnappte nach Luft und hustete. Dann sah er sich gehetzt um und entdeckte, daß er alleine war, nachdem er sich orientieren konnte. Er stützte sich an der Wand ab und hieb dann auf den Alarmknopf, der direkt außerhalb der offenen Türe war. Sofort schrillte in sämtlichen Laboratorien, Büros und Fluren der Alarm, es war ein äußerst lauter und unangenehm schriller Ton, der von einem matten roten Licht unterstützt wurde.

“Achtung Alarmstufe Eins!” tönte es aus den Lautsprechern. “Achtung Alarmstufe Eins! Patienten entflohen! Achtung Alarmstufe Eins! Patienten entflohen! Dies ist keine Übung! Patienten entflohen, ich wiederhole, dies ist keine Übung!”

Schon bei dem ersten Schrillen des Alarmtones stürmten bewaffnete Männer in Uniformen und Helmen auf die Flure und sicherten das Gebäude. Sie verständigten sich über in die Helme integrierte Mikrofone und die leitenden Offiziere bellten Anweisungen und Befehle durch die Flure. Das Laborpersonal wurde dazu angehalten, in den Zimmern zu bleiben und fügten sich ohne Widerworte, sie schienen den Drill zu kennen. Die Türen wurden verschlossen und Korridore wurden isoliert. Doch alle Anstrengungen der Sicherheitsoffiziere blieben vergebens, da die Patienten, wie es in der Alarmdurchsage hieß, längst den Komplex verlassen hatten. Der Alarm erlosch alsbald und die Durchsage von Mr. Tyson war es, die Jonas das Blut in den Adern gefrieren ließ.

“Dr. Jonas in mein Büro, sofort!”

Jonas atmete tief durch und glättete den Kittel. Er hob seine Brille auf, die bei dem Kampf mit Peter zu Boden gefallen war und schob sie die Nase hoch. Dann atmete er nochmals hörbar ein und trat mit gesenktem Kopf auf den Flur. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft an Erklärungen, die er Mr. Tyson präsentieren konnte, solange er nur nicht die Wahrheit über das Experiment erwähnte. Er wußte genau, daß Mr. Tyson nicht viel mit den hochwissenschaftlichen Daten anfangen konnte, also ging er nochmals zurück, um seinen Datenblock zu holen, den er wie einen rettenden Strohhalm an sich preßte, bevor er sich wieder auf den Weg zu Mr.Tysons Büro machte, wie das Schaf, das man zur Schlachtbank führte. Die beiden waren entkommen und er erwartete, daß Mr. Tyson ihm die Hölle heiß machen würde, doch das konnte er noch abwenden, denn er hatte noch einen Trumpf in der Hand. Er tippte einige Kommandos in den Interfaceblock und schon erschienen zwei Punkte auf dem kleinen Monitor. Es war doch eine gute Idee gewesen, die Diagnoseimplantate, die er in beider Nacken implantiert hatte, mit einem Standortsignalgeber zu versehen. Das war eine gute Idee, die er Mr. Tyson präsentieren konnte, sie konnten sie so problemlos aufspüren und sein Hals war gerettet. Jonas gestattete sich ein schwaches Lächeln und klopfte dann zögernd an die Türe von Mr. Tysons Büro.

“Herein!” tönte die tiefe Stimme Mr. Tysons durch die schwere Türe und Jonas betrat den Raum. “Ah, Dr. Jonas, bitte nehmen Sie doch Platz.”

Jonas trat schüchtern näher und setzte sich in den Stuhl gegenüber Mr. Tyson. Er fühlte sich winzig und spürte den fordernden Blick Mr. Tysons auf sich ruhen, also begann er ohne Umschweife.

“Das Experiment verläuft leider nicht ganz wie geplant, Sir”, sagte er unsicher, faßte sich dann jedoch schnell. “Die Separation ist erfolgreich verlaufen, aber das wissen Sie ja bereits. Vorhin kam es im Labor zu einem kleinen Zwischenfall, Peter hat mich angegriffen und überwältigt. Ich verlor das Bewußtsein und als ich wieder zu mir kam, das war übrigens kurz bevor Sie mich ausrufen ließen, war ich alleine im Labor. Ich aktivierte selbstverständlich sofort den Alarm, doch ich weiß nicht, ob es den Sicherheitskräften gelungen ist, die beiden noch einzuholen, ich weiß nicht, wie lange ich bewußtlos gewesen bin.”

Mr. Tyson schüttelte lediglich den Kopf um anzudeuten, daß die beiden Männer nicht wieder gefunden wurden, antwortete ihm aber nicht. Er schien statt dessen abzuwarten und überließ es dem guten Doktor, seine eigenen Schlußfolgerungen zu ziehen. Die Stille machte in nur noch nervöser und er schien es an der Zeit zu sehen, seine Trumpfkarte auszuspielen.

“Wir können sie aber ausfindig machen”, sagte Jonas schnell. “Ich habe ihnen ein von mir entwickeltes Diagnoseimplantat in den Nacken implantiert, wodurch ich ständig die Biodaten erhalten kann. Ich erhalte sie noch immer, hier auf dem Interface können Sie es sehen”, Jonas hielt Mr. Tyson den Interfaceblock unter die Nase und zeugte ihm die Datenkurven.

“Schön, sie sind am Leben”, erwiderte Mr. Tyson und tat gelangweilt. “Das verrät mir jedoch noch immer nicht, wo sie sich befinden.”

“Doch”, widersprach Jonas eiligst. “Ich habe ebenfalls einen Ortungssender eingebaut und der sagt mir genau, wo sich die beiden gerade aufhalten. Ich habe sie auf dem Display und ...”
“Dann geben Sie mir die Frequenz”, verlangte der “Pitbull” und er funkelte den Arzt an. “Ich werde sie zurückbringen, so oder so.”

“Nein, das können Sie nicht tun”, entfuhr es Jonas entsetzt. “Sie können sie nicht umbringen, das dürfen Sie nicht.”

“So, kann ich nicht”, höhnte der “Pitbull”, doch ein Wink von Mr. Tyson brachte ihn zum Schweigen.

“Sehen Sie es doch einfach als”, Jonas dachte schleunigst nach, “als Teil des Experimentes. Wir können studieren, wie sie sich verhalten, wenn sie in Freiheit sind und auch gegenüber dem anderen. Sie wissen so gut wie ich, daß sie nicht entkommen können, und vielleicht kann sich das Experiment noch viel weiter entwickeln, als wir es uns erhofften.”
“Na gut, Dr, Jonas”, entschied Mr. Tyson nach einer kurzen Pause, in der er es genoß, den Arzt schwitzen zu sehen. Überwachen Sie die beiden über Ihren Monitor und Ihre Geräte, aber halten Sie mich auf dem laufenden, was die Ergebnisse betrifft. Ich möchte über alles informiert werden, das sich ereignet, so klein die Veränderung auch sein mag. Und Doktor”, er sah Jonas kühl und berechnend direkt in die Augen, “wenn sich Ihr Experiment als nicht so zufriedenstellend erweist, wie ich es wünsche werde ich Ihr Experiment persönlich beenden und Sie auch. Sie dürfen gehen, Doktor.”

Jonas beeilte sich, dem Büro und dem Blick Mr. Tysons zu entfliehen und huschte den Flur entlang in Richtung seines Labors. Mit einer Handbewegung wischte er sich den Schweiß von der Stirn und versuchte seinen Atem zu beruhigen. Irgend etwas an der letzten Bemerkung des Mannes hatte ihm Angst gemacht, so als wüßte er von der genetischen Instabilität der beiden Versuchspersonen. Jonas lächelte nervös, da er begonnen hatte, die beiden als zwei verschiedene Individuen zu sehen, obwohl sie als ein Individuum zur Welt gekommen waren. Er nahm die Ampullen mit den Blutproben der beiden Männer und machte sich an die Arbeit. Auf einem Monitor beobachtete er die Anzeigen von Ben und Peter. Sie bewegten sich noch immer.

Mr. Tyson lehnte sich zufrieden lächelnd in seinem Lederstuhl zurück. Dann aktivierte er seinen Monitor und verfolgte den Weg des Mediziners bis zu seinem Laboratorium, wo er sich entspannte und offensichtlich sicher fühlte, da er sich unbeobachtet wähnte. Mr. Tysons Lächeln verbreiterte sich, er nahm seine Zigarre in den Mund und sog kräftig daran. Dann legte er den Kopf in den Nacken und blies den blauen Dunst in die Luft.

Kapitel 7-8