~Kapitel 7~

 

Peter rannte durch den Wald, immer wieder drehte er sich um und sah sich gehetzt um. In der Ferne konnte er die Hunde bellen hören, die sich auf seine Fährte gesetzt hatten. Er hatte nicht erwartet, daß sich das Institut inmitten eines Waldstückes befinden würde. Er sog die Luft und Gerüche in sich ein und fühlte sich von den Eindrücken überwältigt, die auf ihn einströmten. Er hatte solche Gefühle nie gekannt oder jemals erlebt, aber je länger er durch den Wald hetzte, desto mehr genoß er dieses Gefühl, es fühlte sich immer besser an und er sah immer neue Instinkte und Sinne stärker werden.

“Euch werde ich es zeigen”, preßte er zwischen seinen Zähnen hervor und hastete durch einen kleinen Bach, der vor ihm den Wald teilte. Er war jedoch nicht erfahren genug, um den Bach eine Weile entlangzulaufen, sondern er trat auf der anderen Seite wieder heraus. Peter wischte einige Sträucher und Äste beiseite, ignorierte die Kratzer auf seinen Armen und stolperte weiter, bis er das Gefühl hatte, Luft holen zu müssen Er lehnte sich an einen Baumstamm und stützte sich mit den Armen auf den Knien ab. Er lauschte den Geräuschen, die ihn umgaben, doch er hörte nur das Zwitschern der Vögel, das leise Rauschen des Baches und in der Ferne etwas lautes, daß er nicht genau zuordnen konnte. Er hoffte, daß es sich um eine Autobahn handelte, aber das wichtigste war, daß er die Hunde nicht mehr hören konnte.

“Ihr habt wohl meine Spur verloren, Mistköter!” gestattete er sich den kurzen Luxus des Lächelns, doch dann hörte er in der Ferne etwas vertrautes. Peter wußte, daß Ben sich nicht an seine Warnung gehalten hatte und ihm folgte. Er konnte das abgehackte Schnaufen und die Schritte durch das Unterholz hören, aber es wunderte ihn, daß die Verfolger ihn nicht schon längst gefangen hatten. So wie der ihm hinterherhinkte, war es entweder ein Wunder oder pure Absicht, daß sie ihn nicht eingeholt hatten. Peter war nie ein gläubiger Mann gewesen, also schied das Wunder schon von vornherein aus. Er argwöhnte statt dessen, daß, wer immer auch hinter diesem Experiment steckte, beide nie ohne Grund oder Hintergedanken entkommen ließe.

 

Ben lehnte atemlos an einem Baumstumpf, er ließ sich auf den Boden sinken und rieb sich die Schläfen. Er hatte einen stechenden Kopfschmerz und die Sicht vor ihm schien zu verschwimmen. Ben schüttelte den Kopf und seine Sicht klärte sich ein wenig auf. Er konnte sich nicht vorstellen, daß er sie abgehängt haben konnte, es war zu absurd, daß sie ihn nicht gefunden haben konnten, so flink war er nicht. Außerdem hatte er unterwegs ständig einen leichten Schmerz in der Magengegend verspürt. Ben fühlte sich elend, schwach und die leisen Schmerzen im Magen waren noch immer da. Er rappelte sich auf und folgte dem anderen weiterhin, er konnte sich noch immer nicht daran gewöhnen, den anderen beim Namen zu nennen, er wollte es nicht. Wenn er es täte, fürchtete er seine Individualität zu verlieren, aber er hatte das nagende Gefühl in sich, daß er diese schon längst verloren hatte. Ben versuchte dem anderen durch das Unterholz zu folgen, doch bereits nach einigen Metern schlug er der Länge nach auf dem Boden auf, eine Wurzel hatte ihn zu Fall gebracht. Er wollte aufstehen, doch in seinem Magen krampfte sich etwas so plötzlich zusammen, daß er zusammengekrümmt liegenblieb und leise aufstöhnte. Er wußte nicht mehr, wie lange er so dalag, doch dann geschah etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte, daß es passieren würde. Als er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf den Rücken drehte, blickte er in das Gesicht des anderen. Peter war zurückgekehrt und kniete neben ihm. Er hatte bemerkt, daß er ihm nicht mehr folgte und das leise Stöhnen gehört und obwohl es nicht in seiner Absicht gelegen hatte, umzukehren, besaß er nicht die Emotionskälte ihn zurückzulassen. Immerhin war er auch ein Teil von ihm, auch wenn er nach wie vor nicht wußte, was man mit ihm gemacht hatte und ablehnte, daß der schwächliche andere er sein sollte.

“Was ist mir dir?” fragte er, nachdem er ihm geholfen hatte, sich an einen Baumstumpf anzulehnen. Dankbar sah ihn der andere an, er stöhnte leise und glaubte sogar einen Hauch von Besorgnis in Peters Augen gesehen zu haben, doch er hatte sich wohl geirrt, denn er bemerkte, daß ihn Peter aus zugekniffenen Augen musterte.

“Mit geht es gut, ich bin nur gestolpert”, sagte Ben leise und atmete schwer. Peter wußte, daß er ihn belog.

“Lüg mich nicht an”, erwiderte er streng. Er sah sich nochmals um und nahm neben Ben Platz,  nachdem er sich vergewissert hatte, daß sie alleine waren. Ben schüttelte den Kopf, so als könne er damit die hinter seiner Stirn pochenden Kopfschmerzen vertreiben, aber schon nach kurzer Zeit mußte er feststellen, daß dies nicht der Fall war. Der einzige Effekt, den er damit erzielte war der, daß sich das Schwindelgefühl für einen Moment verstärkt. Peter musterte Ben, seine Augen weiteten sich, als er die blutunterlaufenen Augen des anderen sah, die in so krassem Gegensatz zu der blassen Gesichtsfarbe standen.

“Wir müssen weiter”, sagte Ben und rappelte sich auf. “Sie werden uns suchen, sie werden uns zurückbringen...”
“Nein, sie suchen uns nicht mehr”, widersprach Peter. “Sie haben schon vor einer ganzen Weile die Suche abgebrochen.”

“Woher weißt du das?” fragte Ben neugierig, Peter tippte sich an die Kopfseite.

“Kann es hören.”

Ben hob erstaunt die Brauen.

“Schlage vor, wir gehen noch eine Weile weiter, dann suchen wir uns ein Plätzchen, wo wir die Nacht verbringen können”, murmelte Peter. “Ich werde sehen, ob ich etwas Wasser auftreiben kann und nach dem Weg sehen, vielleicht finde ich ja die Straße und wir kommen schon bald in die Stadt.”

“Du bist mir nicht böse, daß ich dir gefolgt bin?”

“Sei still bevor ich es mir noch überlege”, knurrte Peter, aber Ben hörte eine Spur Amüsement in seinem Gehabe. Gemeinsam gingen sie durch den Wald, wobei sie Peters geschärften Sinnen folgten. Auch Peter spürte langsam die Folgen des Experimentes, die auf ihn einströmenden ungewohnten Sinne verhalfen ihm zu einem stechenden Schmerz im Hinterkopf. Er ignorierte den Schmerz, da er einmal irgendwo gehört hatte, daß Schmerz nur im Kopf existierte und durch Konzentration besiegt werden konnte, und irgendwie erfuhr Peter diese Tatsache nun am eigenen Leib oder besser im eigenen Kopf. Er glaubte in der Ferne ein Geräusch zu hören, ein Geräusch, das entweder von einem größeren Fluß oder von einer gut befahrenen Straße kommen mußte. Sie liefen eine ganze Weile durch den Wald, dann hielten sie an einer kleinen Lichtung, wo sich die beiden ein wenig ausruhten, dann ließ Peter den anderen alleine und ging voraus, um die Gegend auszukundschaften und um Wasser, Feuerholz und Nahrung zu suchen. Beide spürten das nagende Gefühl von Hunger in sich, Peter konnte sich nicht mehr erinnern, wann er die letzte Mahlzeit gehabt hatte. Ben blieb alleine zurück, er wäre Peter doch nicht von großem Nutzen gewesen. Es dauerte nicht lange bis er das Bewußtsein verlor.

 

Jonas saß in seinem Labor und starrte seit fünf Minuten ununterbrochen auf seine Anzeigen. Das veränderte weder die Anzeigen noch das, was sie anzeigten. Er summte im Takt der Musik, die im Hintergrund leise lief. Seine beiden Mäuse befanden sich in ihren Käfigen, die eine saß still und apathisch in der hintersten Ecke des Käfiges, während die andere unruhig und wild hin und her lief, an den Stäben nagte und ihrem Gefängnis zu entfliehen suchte. Sie machte einen großen Lärm, so daß er mit dem Fuß die Türe zustieß. Er mußte sich ganz auf die Arbeit konzentrieren, Mr. Tyson wollte Ergebnisse sehen und er war niemand, den man enttäuschen wagte. Und sollte er nicht herausfinden, warum sich sein Experiment nicht so entwickelt hatte, wie er es plante, dann wagte er nicht sich vorzustellen, was Mr. Tyson selbst plante mit ihm zu tun. Seine Gedanken gingen an die Frau auf dem Foto und ein Hauch von Wehmut und Schmerz huschte über sein Gesicht. Dann wandte er sich wieder den beiden zu. Er überwachte jeden ihrer Schritte auf dem Monitor, sie bewegten sich noch immer, gemeinsam und das erstaunte Jonas, da er nicht erwartet hatte, daß sie so gemeinsam aufeinander reagierten. Er sah erneut durch das Mikroskop und legte die Stirn in Falten.

“Verdammt!” fluchte er heftig und schlug mit der Faust auf den Tisch, was er gleich darauf äußerst schmerzhaft bereute. “Au, verdammt. Ich muß die Ursache finden”, sagte er zu sich selbst und rieb sich die schmerzende Hand. Er veränderte die Einstellung an seinen Analysegeräten und begann eine erneute Testreihe. Mit großem Entsetzen stellte er fest, daß der Zellverfall an der Probe Bens fortgeschrittener war, als er vorausgesehen hatte, aber mit noch größerem Entsetzen nahm er zur Kenntnis, daß die Probe Peters die gleichen Anzeichen des Verfalls aufwies, nur noch im Anfangsstadium. Jonas nahm einen Schluck Kaffee, der mittlerweile lauwarm war und versuchte alles, um den Verfall zu stoppen. Er testete die Wirkung der Bestrahlung, eine Hormon- und Zelltherapie, doch er erreichte keinen großen Erfolg. Ein lautes Piepen riß ihn aus seinen Schlußfolgerungen und Jonas eilte alarmiert an das Terminal. Er deaktivierte den Alarm eiligst und prüfte die Anzeigen. Die Biodaten Bens waren gefährlich niedrig, es sah so aus, als habe er das Bewußtsein verloren, doch es gab nichts, was Jonas tun konnte. Jonas fühlte sich hilflos, er sah in den beiden viel mehr als nur ein Experiment, sie waren wie Kinder für ihn und es schmerzte ihn, sie leiden zu sehen, ohne etwas dagegen tun zu können. Er mußte einen Weg finden, ihnen zu helfen, er mußte einfach. Jonas begann eine neue Testreihe und diesmal wollte er es völlig anders anpacken.

 

~Kapitel 8~

 

Peter eilte durch den Wald, er folgte seinen Instinkten, blieb einige Male stehen um die Umgebung  und den Weg zu prüfen, den er gehen wollte, und er hörte in der Ferne Wasser rauschen. Die Sonne neigte sich dem Horizont zu und Peter spürte die Kühle des Abends. Er beeilte sich, dem Geräusch zu folgen und herauszufinden, was es genau war und um vor der langsam einbrechenden Dunkelheit wieder zurückkommen zu können. Er wußte nicht genau aus welchem Grund er sich irgendwie um den anderen sorgte und er haßte dieses Gefühl, aber er wollte den anderen nicht alleine lassen. Er wußte auch, daß es ihm nicht gut ging und deshalb durfte er ihn auch nicht alleine lassen. Peter rannte durch den Wald, er spürte den verstärkenden Schmerz im Hinterkopf und griff sich an den Nacken. Er fühlte ständig neue Gerüche, die er so intensiv noch nie wahrgenommen hatte, sämtliche seiner Sinne waren geschärft und Peter war es, als ob er mit der Natur verbundener war als je zuvor. In der Ferne konnte er die Blätter und den frischen Geruch des Mooses riechen, das über einigen Steinen wuchs, er konnte den weichen Boden unter den Sohlen fühlen und das Geräusch, dem er die ganze Zeit über gefolgt war, wurde stärker. Er spürte, daß er ihm näher kam und beschleunigte seine Schritte. Peter konnte bald den Rand des Waldes erkennen und er grinste breit. Schon bald war er aus dem Wald heraus und hielt an. Peter verwunderte es noch immer, daß ihn ihre Verfolger so schnell hatten entkommen lassen, er traute dem Frieden nicht, sämtliche seiner Sinne blieben im Alarmzustand und sein Gehirn arbeitete fieberhaft an einer Erklärung. Das konnte er nicht glauben, es war zu einfach. Nach dem Wald kam jedoch keine Straße, wie er es erhoffte, sondern eine Wiese, das Gras stand ungleichmäßig hoch und Peter überquerte den Rasen langsam und vorsichtig, um möglichen Fallen ausweichen zu können. Er konnte das Geräusch genau hören und er roch auch den Geruch von Salz. Ein leichter Wind blies an ihm vorbei und Peters sämtliche Hoffnungen sahen sich zerstört, als er am Ende der Wiese angekommen war. Unten in der Bucht schlugen die Wellen über den Felsen zusammen, sie liefen am weißen Strand aus und zogen sich wieder in ihr Reich, das Meer zurück. Einige Möwen kreisten über dem Wasser, das beinahe türkis war, doch nun überzog die untergehende Sonne es mit einem roten Schimmer. Es war ein wunderschöner Anblick, die Farbenpracht der Abendröte zu bewundern, die überraschend schnell angebrochen war, die Farben liefen von tiefrot über das sanfte orange zu einem hellen Blau am Strand aus und weiße Kronen von Gischt bildeten sich zwischen den Felsen der Bucht oberhalb dieser Peter stand. Er stand an einer Felsenklippe an der Südseite der Insel und erkannte in dem Moment den Grund für die frühzeitig abgebrochene Suchaktion. Diese Kerle hatten genau gewußt, daß sie niemals entkommen konnten und dieser Arzt nutzte ihre Flucht sicherlich für weitere Studien seines kranken Experimentes. Wahrscheinlich hatte er ihnen sogar die Flucht ermöglicht und es ihnen leichtgemacht, zu entkommen, es womöglich eingeplant und lächelte vor seinem Monitor. Er mußte sie irgendwie überwachen, egal wohin sie auch gingen auf dieser verdammten Insel, nur Peter wußte nicht, wie er dies bewerkstelligte. Sicherlich hatte er ihnen eine Vorrichtung eingepflanzt oder sowas ähnliches. Resigniert drehte sich Peter wieder um, nachdem er eine ganze Weile auf den Ozean und seinen wie eine Seifenblase verpufften Hoffnungen auf Freiheit nachhing und kehrte zu dem anderen zurück. Er mied es noch immer, ihn bei dem Namen zu nennen oder sonst als Teil von ihm anzuerkennen, als Bruder womöglich. Er war der einzige und so wollte er es auch belassen, über die möglichen Erklärungen für die Existenz des anderen wollte er nicht nachdenken. Er sah keinen Nutzen darin, über etwas nachzudenken, das er weder erklären noch ihn von dieser Insel herunterbringen konnte. Peter eilte durch den Wald zurück und fand zielstrebig den anderen an der Stelle an der er ihn zurückgelassen hatte. Ben war noch immer bewußtlos, Peter suchte den Platz ab und vergewisserte sich, daß sie nicht mittels Kameras überwacht wurden und kniete dann neben Ben. Er schüttelte ihn kurz aber heftig. Ben schrak hoch und versuchte im ersten Moment wegzulaufen, doch Peters fester Griff hielt ihn an den Schultern an den Baumstamm gedrückt. Er richtete sich auf und drückte ihm einige wilde Himbeeren und Erdbeeren in die Hand.

“Hab kein Trinkwasser gefunden, nur die paar”, sagte er erklärend. “Die müßten doch auch ein bißchen den Durst löschen, den Hunger tun sie es vielleicht. Hab auch unterwegs einige Holzscheite auftreiben können.”

“Dann können wir uns ja ein Feuer machen”, stellte Ben das offensichtliche fest und stopfte sich die Beeren in den Mund. Peter griff sich an den Kopf und begann mit dem Feuer, wobei er einige Steine aneinanderschlug und die Funken das Stroh entzündeten, das er zwischen die Holzscheite gestopft hatte. Er pustete leise und das Feuer begann aufzuflackern.

“Wenigstens das funktioniert”, murmelte er leise und setzte sich dann Ben gegenüber ans Feuer. “Wir werden die Nacht hier verbringen, morgen sehen wir weiter.”

“Hast du eine Straße gefunden?” fragte Ben neugierig und wickelte seine Arme um sich. Peter seufzte leise, dann antwortete er wahrheitsgemäß: “Nein, keine Straße.”

“Wir werden uns morgen umsehen”, erwiderte Ben und stöhnte auf, als sich sein Magen zusammenkrampfte. Er krümmte sich zusammen und verzog das Gesicht.

“Du hast Schmerzen”, stellte Peter unnötigerweise fest. “Seit wann?”

“Du kannst mir doch nicht helfen”, erwiderte Ben heftig. “Außerdem geht es mir gut, ist nur Seitenstechen wegen der ganzen Rennerei.”
“Hätten Sie dich lieber erwischen sollen?” fragte Peter schnippisch. Er wandte sich ab und lauschte den Geräuschen des Waldes. In der Ferne konnte man einige Wölfe heulen hören, dafür benötigte man keine sensiblen Ohren, aber Peter vermochte auch einige Eulen und sogar die Brandung hören zu können, da sein Gehör immer besser wurde, ebenso wie sein Geruchssinn und er konnte sogar in der Dunkelheit sehen, besser als er es jemals gekonnt hatte.

“Ich habe deinen Anweisungen nicht gehorcht”, begann Ben ein Gespräch. “Ich bin dir gefolgt.”

“Eine Tatsache, die sich nicht ändern läßt, momentan nicht”, erwiderte Peter und blickte grimmig in die Dunkelheit. Ben versuchte auszumachen, auf was der andere sah, doch alles, was er erkennen konnte, war Dunkelheit.

“Aber, bist du nicht böse?” hakte Ben nach. Er suchte die Unterhaltung, das ließ ihn nicht so alleine sein. Er fürchtete sich zwar nicht in der Dunkelheit, doch er fürchtete die Stille.

“Hab mir fast schon gedacht, daß du mir folgen würdest”, antwortete Peter kurz.

“Warum?” fragte Ben neugierig und Peter sah ihn an.

“Es gab nur zwei Möglichkeiten, denen du folgen konntest”, erklärte Peter. “Die eine ist die, daß du in die andere Richtung laufen würdest, wie ich es dir gesagt hatte und die andere ist die, die du ja gewählt hast, nämlich mir zu folgen.”

“Aber woher wußtest du, daß ich dir folgen würde?” beharrte Ben so stur, daß es Peter dazu brachte zu lächeln.

“Es war die Möglichkeit mit der größeren Überlebenschance”, sagte er und fügte hinzu, daß es die wäre, die er gewählt hätte. Peter schlang die Arme um die Knie und blickte wieder ins Feuer. Er hatte zunächst keines machen wollen, denn es könnte sie verraten, sollten die Sicherheitsleute sie noch immer verfolgen, aber er hatte sich dann doch dafür entschieden, denn hätten sie sie fangen wollen, wären sie sicherlich längst wieder im Labor.

“Was glaubst du, warum sie dieses Experiment gestartet haben?” riß ihn die Stimme Bens aus seinen Gedanken.

“Keine Ahnung”, knurrte er. Peter hätte es vorgezogen, wenn er endlich still wäre, doch es sah wohl nicht so aus.

“Ich meine sieh uns doch nur mal an”, begann Ben seine Theorie zu erläutern. “Du bist wild und kräftig. Deine Augen huschen umher, wachsam und du sitzt hier bereit alles und jeden anzufallen, der uns angreifen könnte. Kannst du überhaupt in der Dunkelheit sehen?”

Peter hatte sich zwar auch schon einige Gedanken über das Warum gemacht, doch er tat sie als unproduktiv ab, da sie ihn nicht von der Insel bringen konnten. Er hatte zwar einmal gehört, daß Wissen Macht sei, doch wozu war Macht gut, wenn sie ihn nicht über den Ozean tragen konnte, er wußte ja noch nicht einmal, wo genau sie waren, auf der Erde gab es viel Wasser. Aber er lauschte den Mutmaßungen des anderen, vielleicht war er ja schwächlich und keinesfalls ein Kämpfer, aber er schien intelligent zu sein und das konnte ihm womöglich doch irgendwie von Nutzen sein. Er bejahte die Frage des anderen, der daraufhin weiter fortfuhr, seine Ausführungen zu erläutern, immer unterbrochen von kurzem leisen Stöhnen, da er Schmerzen zu haben schien.

“Du kannst also in der Dunkelheit gut sehen, ich sehe überhaupt nichts außerhalb des Lichtbereiches des Feuers und ich nehme mal stark an, daß du auch über ein gutes Gehör verfügst, das hast du ja schon gesagt. Zudem habe ich bemerkt, daß du ständig die Nase in den Wind hältst, also ist sie auch gut und das ist doch verwunderlich, oder?”, Ben unterbrach kurz und schob sich eine Erdbeere in den Mund. “Hast du je schon von einem Menschen gehört, der über solch feine Sinne verfügt, ich nicht.”

“Zu was macht mich das dann?” fragte Peter knurrend. “Zu einem Supermenschen? Woher weißt du das alles eigentlich?”

“Ich habe Dr. Jonas zugehört”, sagte Ben und Peter schnaubte verächtlich, als er den Namen hörte. “Er hat versucht mir diesen Separationsvorgang zu erklären. Er hat irgendwie uns in zwei Menschen gespalten, eine dunkle Seite und eine gute. Und das könnte auch erklären, warum du so feine Sinne hast.”

“Kann ich mir nicht denken”, widersprach Peter. “Außerdem glaube ich diesen Separationsquatsch noch immer nicht. Ich bin der echte Ben Carter, der einzige.”

“So”, Ben lächelte matt. “Aber ich bin auch Ben Carter und das macht dich nicht mehr zu dem einzigen. Wer von uns beiden ist denn nun der echte, denn nur einer von uns kann recht haben.”

“Schön, nur wie finden wir denn nun raus, wer es ist?” fragte Peter neugierig und sah Ben herausfordernd an. “Dürfte interessant werden.”

“Nun, am besten sollte sich dies überprüfen lassen durch Erinnerungen”, schlug Ben vor. “Denn man kann vielleicht die Körper duplizieren, doch nicht die Gedanken, Erinnerungen und Erfahrungen, die ein Mensch gemacht hat.”

“Na, schön, du fängst an”, wies Peter den anderen an. Ben setzte sich bequemer hin und überlegte kurz.

“Ich denke, daß ich mit der Geburt und der Kindheit nichts einschneidendes präsentieren kann, also werde ich in der späten Jugend anfangen”, begann Ben als er sich für eine einprägsame Geschichte entschieden hatte. “Ich hatte mir ein neues Motorrad gekauft, hab lange dafür gespart und als ich sie endlich hatte, konnte ich es nicht erwarten, sie zu fahren. Ich habe also eine Spritztour gemacht und bin auf den Freeway hinaus gefahren, von dort dann über eine Abzweigung auf eine Landstraße, wo keine Menschenseele sonst langkommt, außer einigen Truckern oder anderen Fahrern, die auch mal so richtig auf die Tube drücken wollen. Ich wollte das Potential der Maschine richtig austesten und habe Gas gegeben. Das war ein Supergefühl, als mir der Fahrtwind um die Ohren geblasen ist, meine Haare, die ich damals noch etwas länger getragen hatte, haben im Wind geflattert und ich fühlte mich, als könnte ich fliegen”, erzählte Ben und Peter musterte ihn aus mißtrauisch zusammengekniffenen Augen. “Aber ich hatte mich etwas überschätzt und meinen ersten Unfall mit ihr gehabt. Dumme Sache, daß diese Straße so selten befahren wird und ich hatte damals mein ganzes Leben an mir vorbeiziehen sehen. Man hört das ja immer, aber ich hatte es nie geglaubt und das was ich gesehen hatte war nichts, worüber ich sagen konnte, daß es erfüllt gewesen wäre. Ich dachte schon, ich würde sterben, meine Maschine ist noch gute zwanzig Meter weitergerutscht und ich lag blutend und zerbrochen am Straßenrand, keine Ahnung wie lange. Aber ich hatte Glück, denn ein Trucker kam vorbei. Er hat mich und mein Mädchen aufgeladen und ins Krankenhaus gebracht. Ich lag einige Tage im Koma und als ich aufgewacht bin, dachte ich zuerst, ich sei im Himmel, doch die Ärzte versicherten mir, ich sei noch nicht dort, würde aber bald dorthinkommen, wenn ich weiter so fahren würde, wie ich es offensichtlich getan hatte. Aber ich hatte ziemliches Glück, denn mit Ausnahme einiger gebrochener Knochen, einer Gehirnerschütterung und einigen Kratzern war ich mit heiler Haut davon gekommen. Übriggeblieben ist lediglich die Narbe”, Ben schob sich einige Strähnen des blonden Haares aus der Stirn und zeigte die Narbe über der rechten Braue.

“Das steht in den Krankenhausakten und kann von diesem Arzt jederzeit eingesehen worden sein”, beantwortete Peter schnippisch. “Das ist noch kein Beweis für mich.”

“Nein, doch was nicht in den Akten steht ist, daß das erste, das ich nachdem ich aus dem Koma aufgewacht bin, meine Maschine eigenhändig repariert und aufgemotzt habe”, erklärte Ben weiter. “Ich habe sie neu lackiert und eine Schlange gezeichnet, die sich direkt aus dem Tank aufrichtet, um den sie sich geschlungen hat. Dann habe ich sie ein wenig frisiert, so daß sie noch schneller laufen würde...”

“...und mich selbstverständlich nicht an den Rat des Arztes gehalten”, fügte Peter hinzu. “Keine Kunst dies herauszufinden. Das ist etwas, das jeder übermütige junge Mann machen würde. Da mußt du schon etwas mehr aufbieten, um mich davon zu überzeugen, daß ich nicht der echte Ben Carter bin.”

“Wieso sollte ich dich eigentlich überzeugen?” entgegnete Ben schnippisch. “Wer sagt mir denn, daß ich nicht der echte bin und du nur die Kopie und ich dir dadurch die ganzen Erinnerungen von mir gebe.”

“Du glaubst mir nicht?” fragte Peter und richtete sich auf. “Dann werde ich dich überzeugen, damit du mir endlich glaubst und mich mit deinen Fragen nicht mehr nervst. Ich werde dir etwas erzählen, das sonst niemand wissen kann, nämlich, wie ich zu meiner Tätowierung gekommen bin, die du so schön kopiert auf deinem Arm trägst. Mein Vater starb als ich noch sehr klein war und meine Mutter hatte alle Hände voll zu tun, da ich kein einfaches Kind war. Ich habe sehr viel angestellt und wurde mehrmals verhaftet, da ich manchmal geklaut habe wie ein Rabe oder in Schlägereien verwickelt war. Meine Mutter hatte es wirklich nicht leicht mit mir und es war nicht verwunderlich, daß sie mich in ein Erziehungsheim gegeben hatte, da sie nicht mit mir zurecht kam. Doch auch dort war es kein Leichtes, mich zu halten und weil es mir da nicht so gefallen hat, bin ich weggelaufen”, Peter unterbrach und blickte in die Dunkelheit. Er war sich nicht sicher, warum er es dem anderen erzählte und ob er es erzählen sollte. Er hätte sich jede andere Einzelheit seines Lebens aussuchen können, doch er hatte sich für die schmerzhafteste entschieden. Vielleicht fühlte er doch so etwas wie eine gewisse Verbundenheit zu dem anderen. “Ich war auf der Straße und habe weiterhin geklaut um am Leben zu bleiben. Ich hatte einen Freund, der Drogen genommen hatte, doch das war für mich eine Grenze, die ich nicht zu überschreiten wagte, da ich sah, wie es ihn zugrunde richtete. Ich habe für mich gestohlen aber auch für ihn, um ihm davon loszubekommen, doch ich bemerkte bald, daß dies unmöglich war, also habe ich gestohlen, um ihm die Schmerzen zu ersparen und um ihm die Drogen zu besorgen. Ich habe für uns sogar bei meiner Mutter eingebrochen, um sie zu bestehlen, ich habe sie gehaßt, weil sie mich in diese Heim gesteckt hatte und wollte es ihr dadurch heimzahlen. Eines Tages hat sie mich dabei erwischt, als ich ihren Schmuck mitgehen hatte lassen und ich konnte deutlich sehen, daß es ihr das Herz gebrochen hat, der Schmerz in ihren Augen war für mich fühlbar, doch ich hatte es damals genossen, ihr weh zu tun, da ich nicht verstand, warum sie mich weggab und es nur an mir gelegen hatte. Ich hatte ihr unterbewußt die Schuld gegeben, am Tod meines Vaters, ich hatte nicht verstanden, warum er sich das Leben genommen hatte. Ich habe sie im Flur stehen lassen, allein mit ihrem Schmerz und der Trauer, nicht nur ihren Mann sondern auch ihren Sohn verloren zu haben. Das wäre schon genügend gewesen, um zu Verstand zu kommen, doch nicht für mich. Ich war damals so verbohrt und stur gewesen, daß ich diese eine Chance in den Wind schlug, mein Freund war mir zu meiner Familie geworden, er hatte mich aufgenommen und wir teilten sein kleines Appartement. Wachgerüttelt wurde ich erst, als er an einer Überdosis starb, in meinen Armen”, Peter atmete tief ein, als die Erinnerungen sich wieder frisch in sein Gedächtnis aufriefen, wo sie so lange begraben waren. “Und ich hatte ihm diesen Stoff besorgt, das war es, was es für mich so schmerzhaft machte. Aber das war noch nicht das schlimmste. Es war zwar der Punkt, an dem ich mich für ein normales Leben entschieden hatte, doch es war zu spät...”

“Ich konnte nicht mehr zurück zu dem Leben dem ich einst den Rücken gekehrt hatte”, setzte Ben an der Stelle ein, an der er Peter unterbrochen hatte. Seiner Stimme schwang ein schmerzhafter Unterton mit. “Ich habe mir die Schlange tätowieren lassen, weil ich wünschte, ich könnte wie sie sein, könnte mich häuten und mein Leben hinter mir lassen. Ich war so voller Schuldgefühle, ich gab mir die Schuld an seinem Tod und wollte ein neues Leben beginnen, so wie eine Schlange mit einer neuen Haut weiterleben wird nachdem sie die alte abgestreift hat. Ich habe nicht erwartet, mein altes Leben ohne Schwierigkeiten wieder aufnehmen zu können, doch ich wollte es versuchen. Mein neues Leben würde auf dem alten aufbauen, ich hoffte, die Schuld und die Scham zurücklassen zu können, doch ich hatte geirrt. Als ich zu dem Haus kam, in dem meine Mutter wohnte, stand ein Schild in der Einfahrt, auf dem es zum Verkauf angeboten wurde. Einige Männer schlossen hinter sich die Türe ab und kamen mir auf dem Eingang entgegen. Sie fragten mich, ob ich mir das Haus ansehen wolle. Ich erwiderte, ich hätte hier gewohnt und erkundigte mich nach meiner Mutter. Die Männer antworteten mir, sie seien Gerichtsvollzieher oder so und hätten das Haus nach Wertsachen durchsucht, das Mobiliar geschätzt und für die Versteigerung aufgelistet. Da man nach ihrem Tod keinen Erben hatte ausfindig machen können und das Haus noch verschuldet war, entschied man sich zur Versteigerung. Ich erfuhr, daß sie am nächsten Tag gestorben war, nachdem ich sie ausgeraubt hatte und im Flur stehen ließ. An diesem Tag erlitt sie einen Schlaganfall und wachte aus dem Koma nicht mehr auf, so daß man sie daraufhin für klinisch tot erklären ließ. Mir wurde schmerzhaft bewußt, daß ich es war, der sie umgebracht hatte und das letzte, das sie von mir gesehen hatte, ich war, der sie beraubte. Ich hatte ihr so großen Schmerz zugefügt, daß sie es nicht hatte verkraften können. Ich war schuld an ihrem Tod, ich hatte sie umgebracht. Und es schmerzte sehr, daß ich es nicht geschafft hatte, mich zu entschuldigen, ihr sagen zu können, wie leid es mir tat. Sie hatte es schwer im Leben gehabt und das nur aufgrund von mir. Ich realisierte, daß ich nicht wie die Schlange meine Schuld und mein Leben wie eine Haut abstreifen konnte. Es würde mich stets verfolgen, denn seinem Leben kann man nicht entfliehen. Und so bekam diese Schlange noch eine ganz andere Bedeutung. Stand sie zuvor dafür, daß ich mein Leben von vorne beginnen wollte, so war es nun die Erkenntnis, daß ich nicht vor meinem Leben weglaufen kann, ich es akzeptieren muß und daraus lernen soll. Denn die Schlange häutet sich zwar und streift die alte Haut ab, doch darunter kommt eine neue hervor, die genauso aussieht, wie die alte und sich sonst nichts an der Schlange verändert. So war es auch in meinem Leben, nichts hatte sich geändert, nur ich hatte eine große Erfahrung gemacht, aus der ich lernen wollte, damit ich diese alte Haut abstreifen und ein besseres Leben führen konnte.”

“Woher weißt du das?” Peter sprang in ungeahnter Geschwindigkeit hervor und packte Ben an den Schultern, er drückte ihn mit dem anderen Arm an den Baum. “Wieso kannst du das wissen!”

“Ich...ich”, stotterte Ben überrascht, “ich weiß dies, weil ich Ben Carter bin und es erfahren mußte, am eigenen Leib.”

“Aber ich bin Ben Carter”, beharrte Peter kalt, er spießte Ben mit seinem Blick förmlich auf. “Und ich mußte diese Erfahrung machen. Du bist ein Lügner!”

“Nein, ich habe es auch erlebt”, widersprach Ben und versuchte sich von dem Griff  Peters zu befreien.

“Wir können aber nicht beide Ben Carter sein!” Peter ließ ihn los und nahm seinen Platz gegenüber Ben wieder ein. Er beäugte ihn nun noch mißtrauischer.

“Das stimmt”, stimmte Ben ihm zu, er rieb sich die schmerzende Schulter und überlegte. “Aber was, wenn wir doch beide Ben Carter sind, was wenn uns Dr. Jonas wirklich in zwei Personen gespalten hat, wie er behauptete. Was wenn wir eine Person waren, aus der man zwei gemacht hat, zwei identische Personen, mit den gleichen Erinnerungen, Erfahrungen und dem gleichen Leben, da sie zuvor als eine Person das gleiche Leben teilten.”

“Das kann ich nicht glauben!” widersprach Peter, mußte aber zugeben, daß dies eine plausiblere Erklärung war, als alles, das er je in Betracht gezogen hatte. Und es erklärte auch, wieso der andere Dinge wissen konnte, die niemand sonst erfahren hatte, mehr noch, er schien die gleiche Schuld auf seinen Schultern zu tragen wie er auch, die gleichen Gefühle zu empfinden. Vor allem aber erklärte es ihm dieses Gefühl der Verbundenheit, das er für den anderen empfand und stärker wurde, je länger er mit ihm zusammen war. Peter legte noch einige Holzscheite auf das kleine Feuer, das langsam herunter zu brennen drohte. Es knisterte leise und einige Flocken von Asche wirbelten auf, als er die Scheite auf die anderen plazierte. Der Mond verlieh der Lichtung mit dem matten Licht, das er auf sie warf einen unheimlichen Eindruck. Peter saß im Halbschatten, seine Augen lagen im Dunkeln und Ben konnte nicht erkennen, was er fühlte. Ben wurde vom Mondlicht in ein blasses Licht getaucht, das seine ohnehin schon blasse Haut kalkweiß erscheinen ließ und ihm das Aussehen einer Leiche verließ, eine Beobachtung, die durch die tief in den Höhlen liegenden Augen verstärkt wurden. Ben befeuchtete seine trockenen Lippen und wickelte die Arme um sich, die Knöchel traten schneeweiß hervor und seine Haut war beinahe durchsichtig, man konnte deutlich die blauen Adern sehen. Peter ertappte sich dabei, wie er Ben einen besorgten Blick zuwarf und er das Gefühl hatte, er würde die Nacht nicht überstehen. Immer mehr Adern traten hervor, nicht nur an seinen Armen, auch auf der Stirn und den Wangen verliefen blutrote feine Linien, die Zellschädigung schien fortzuschreiten. Ben stöhnte auf, als er einen erneuten Schmerz in seinem Magen fühlte. Er verzog das Gesicht und versuchte zu lächeln, als er den besorgten Blick Peters fühlte und sah.

“Du machst dir wohl Sorgen um mich, Peter”, das war das erste Mal, in dem einer der beiden den anderen beim Namen nannte. Ben schien sich den Tatsachen zu beugen, sie waren offensichtlich gespalten worden und sie mußten interagieren. Da sie beide eine Person gewesen waren, und das war wohl auch der Grund, der Dr. Jonas veranlaßt hatte, ihnen die beiden Vornamen zur Erkennung zu geben, schien nichts dagegen zu sprechen, warum sie sich nicht verhalten sollten, wie eine Person und es war schließlich sein Name. Ebenso wie seiner, aber was machte das schon. Peter bemerkte auch, daß ihn der andere beim Namen nannte und auch er mußte sich der Logik der Situation beugen. Er weigerte sich jedoch, dem anderen seinen eigenen Namen zu geben.

“Klar”, sagte Peter unsicher. “Denn wenn dir etwas zustößt oder du stirbst, können wir nie wieder vereint werden.”

“Möchtest du das denn?” fragte Ben, er hatte auch schon darüber nachgedacht, doch er konnte zu keiner Entscheidung kommen.

“Wir waren eins und hätten es auch bleiben sollen”, entgegnete Peter scharf. “Wenn dieser Kurpfuscher nicht an uns herumgedoktort hätte, wäre uns das alles erspart geblieben.”

“Du hast Recht”, stimmte ihm Ben zu, doch er war sich nicht ganz so sicher. Er überdachte die Möglichkeiten, die sich daraus ergaben und kam zu dem Schluß, daß dies eine unbezahlbare Erfahrung sein konnte. Aber auch er wußte, daß Peters Sichtweise der Dinge richtig war, denn sie gehörten zusammen, sie waren eins gewesen und hätten nie getrennt werden sollen. Dieses hochexperimentelle Verfahren, wie es Jonas genannt hatte, war nicht nur vom ethischen Standpunkt aus äußerst indiskutabel sondern auch von der menschlichen Seite der Dinge etwas, was nie hätte praktiziert werden sollen und nie wiederholt werden durfte.

“Wer könnte Interesse an diesem Verfahren haben?” fragte Ben leise. “Wer würde daraus Nutzen ziehen wollen?”

“Die Militärs?” mutmaßte Peter grimmig. “Die wollen sicherlich einen Supersoldaten erschaffen, ganz auf das Töten ausgelegt, ohne jegliche Skrupel, Zweifel oder Ängste, mit geschärften Sinnen und der Kraft, ohne Waffen zu töten, eine Flucht aus Gefangenschaft zu bewerkstelligen und Folter zu widerstehen. Für so etwas gibt es immer einen Abnehmer, wenn es nicht die eigene Regierung ist, dann gibt es auf der Welt noch andere Parteien, Länder und Gesellschaften, die ein Vermögen hierfür zahlen würden, was weiß ich.”

“Aber wieso?”

“Wieso? Die scheren sich einen Dreck um die Persönlichkeitsrechte des einzelnen”, knurrte Peter und spuckte die Worte beinahe aus. “Die wollen nur ihre Ziele erreichen, koste es was es wolle. Ich bin mir sicher, manche von denen würden ihre eigene Großmutter verkaufen und die Kinder zur Verfügung stellen, um Ergebnisse zu erhalten!”

“Hast du eine Straße entdeckt, einen Weg, wo wir von hier wegkommen? Ich meine, du warst ganz schön lange weg”, wechselte Ben das Thema.

“Keine Straße”, antwortete Peter kurz gebunden, so kurz, daß es Ben stutzig machte.

“Das kann ich nicht ganz glauben, du mußt doch irgend etwas gefunden haben!” entfuhr es Ben und Peter blickte auf. Er hatte den anderen nicht so intensiv reagieren sehen, seit er ihn kannte und das war seit dem Morgen. Er spürte, daß er ihn irgendwie mochte und ihn dort sitzen und leiden zu sehen, daß war nicht gerade etwas, daß er gerne erleben würde, zumal er ein deja-vu Gefühl hatte.

“Ich habe keine Straße gefunden, vielleicht bin ich nur nicht weit genug gelaufen”, sagte Peter leise, Ben hatte das kurze Zögern und den Schmerz in seiner Stimme nicht bemerkt. “Morgen werden wir weitergehen. Wir werden einen Weg finden, das verspreche ich.”

“Ich will nicht mehr in das Labor zurück”, sagte Ben. Er atmete nun ruhiger und gleichmäßiger, er blickte in die Dunkelheit, bevor ihm die Augen zufielen und er einschlief. Peter seufzte leise. Er starrte in das kleine Feuer, die Flamme schien eine beruhigende Wirkung zu haben. Auch er spürte einen kleinen Stich in der Magengegend und ignorierte es. Er beobachtete eine Weile lang den anderen, blickte in sein eigenes Gesicht und es war noch immer seltsam. Nur irgendwie schien er sich langsam daran zu gewöhnen, ihn zu sehen und das war noch viel seltsamer. In der Ferne hörte Peter eine Eule und sogar einen Wolf glaubte er zu erkennen. Er ballte wütend die Fäuste. Dieser Arzt hatte sie geschaffen, ihre Persönlichkeit und Individualität vergewaltigt und dies vermutlich nicht zum ersten Mal gemacht. Es mußte doch einen Weg geben, von der Insel zu entkommen, wenn der andere in Sicherheit war, konnte er zurückkehren und dann würde er diesem sogenannten Doktor, hatten die nicht so etwas wie einen Eid, eigenhändig den Hals umdrehen und ihm dabei ins Gesicht lächeln, wenn dieser seinen letzten Atemzug machen würde. Er würde dafür sorgen, daß er seiner Strafe nicht entgehen würde und die Rache blieb der dominierende Gedanke in Peters Kopf. Er unterdrückte die Schmerzen im Hinterkopf mit Erfolg und er schien sich an die veränderten Sinne anzupassen, sie viel besser nutzen zu können. Am Morgen würde alles anders aussehen. Peter gähnte und schüttelte den Kopf, um die Müdigkeit zu vertreiben.

“Ich muß wach bleiben”, ermahnte er sich selbst, doch er spürte eine bleierne Schwere in den Lidern und schon bald fiel er in einen unruhigen Halbschlaf.

Kapitel 9-11