~Kapitel 9~

 

Jonas rieb sich den Nasenrücken und rückte dann die Brille wieder zurecht. Er war keinen Schritt weiter gekommen, keine der Methoden, die er erprobte, zeigten auch nur die geringste Wirkung. Jonas wurde unruhig, schon bald Mr. Tyson einen Bericht erwarten und er würde ihm eröffnen müssen, daß er versagt hatte, mehr noch, daß er ihn angelogen hatte. In dem Labor blinkten an den Terminals die bunten Lichter rhythmisch weiter, zeichneten jeden Erfolg und Mißerfolg auf, den er bei den Testreihen hatte, wobei es hier nur die Mißerfolge waren. Ein anderes Terminal überwachte die beiden Männer, speicherte deren Lebenszeichen und die Position, die sich seit geraumer Zeit nun nicht mehr verändert. Jonas seufzte und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Er fuhr sich nervös durch die Haare und bemerkte die Stille im Raum, abgesehen von den piependen Geräuschen, die seine Geräte machten. Die CD war schon lange fertig und er hatte es in seiner Konzentration nicht bemerkt. Es konnte ihn seinen Hals kosten, wenn er nicht eine Möglichkeit fand, das Experiment erfolgreich abzuschließen, was bedeutete, die Lebenszeichen Bens zu stabilisieren, das hatte Mr. Tyson nur zu deutlich verlauten lassen. Er ging in den anderen Raum und schon als er die Türe öffnete, bemerkte er, daß etwas nicht stimmte. Jonas konnte es sich nicht erklären, doch er fühlte es. Als er zu seiner kleinen Stereoanlage ging, die sich unter dem kleinen Tisch befand, der an der Wand stand, sah er, was es war. Seine beiden Mäuse waren nicht so wie üblich in ihren Käfigen, sie waren zwar schon da, doch sie verhielten sich nicht wie üblich. Da sie Teil eines Experimentes waren, wurden sie in verschiedenen kleinen Käfigen gehalten, doch man konnte sie auch leicht an den braunen Flecken auseinander halten, die beide Mäuse auf dem weißen Pelz hatten, eine trug ihn auf der rechten Seite, die andere auf der linken. Normalerweise würde ihm die Maus mit dem Fleck auf der linken Seite, die ein wildes Verhalten an den Tag legte, sofort anspringen, wenn er sich dem Käfig näherte, an den Stäben nagen und zu versuchen zu beißen, doch dieses Mal war es anders. Sie saß still im Käfig und fiepte leise, als er näherkam. Sie sah ihn mitleidig an und schien beinahe zu betteln. Das war ein absolut untypisches Verhalten für sie, doch sie sprang nur umso wilder an die Stäbe, als er den Finger in Reichweite hielt und biß fest zu, so als habe sie ihn nur geködert und wolle nun die gesamte Wut an ihm auslassen. Jonas schrie auf und zog den Finger schnellstmöglich weg.

“Verflucht!” schimpfte er und saugte an dem blutenden Finger. “Du dachtest wohl, daß du mich damit überlisten kannst, was ja auch geklappt hat”, seufzte er, doch dann krampfte sich in seinem Magen etwas zusammen. Normalerweise kam die Maus mit dem Fleck über der rechten Seite stets freundich an den Käfig und neckte ihn, doch nicht dieses Mal. Sie würde ihn nie wieder necken, denn sie lag auf dem Boden auf der Seite und bewegte sich nicht  Alarmiert öffnete Jonas den Käfig und stieß die Maus an, die davon lediglich steif auf den Rücken gerollt wurde. Es brauchte kein Genie um zu sehen, daß sie tot war. Ihre Schnauze war leicht geöffnet, die Augen starr und die Pfoten angewinkelt.

“Das darf nicht sein, das kann einfach nicht sein”, stammelte er und nahm beide Käfige ins Labor nach draußen, doch bevor er mit der Examierung der toten Maus und der anderen beginnen konnte, klingelte in seinem Büro das Telefon. Jonas zuckte zusammen und spürte, wie sein Herz zu rasen begann. Er wußte, daß es Mr. Tyson war, der Fortschritte forderte, Fortschritte, die er ihm nicht geben konnte. Jonas nahm zögernd ab und meldete sich unsicher.

“Ah, Dr. Jonas”, erklang die Stimme Mr. Tysons aus dem Hörer. “Was macht die Arbeit?” Seine Stimme klang zwar neutral, doch das machte sie gerade so gefährlich. Mr. Tyson war wie ein Bär, dem man auch nicht ansah, wann er mit seiner gewaltigen Pranke zuschlagen würde.

“Ich bin bei verschiedenen Tests, doch es entwickelt sich ganz zufriedenstellend”, antwortete Jonas und rief auf dem Monitor die Bewegungsdaten der beiden auf. “Sie sind alleine losgegangen, doch dann haben sie sich getroffen. Dann trennten sie sich wieder und Peter ist vorausgegangen”, erklärte er den Verlauf. “Erstaunlich ist jedoch, daß er wieder zu Ben zurückgekommen ist und seit einer geraumen Zeit sind die beiden zusammen, eine erstaunliche Entwicklung, finden Sie nicht auch?”

“Oh, ja, es ist in der Tat bemerkenswert”, erwiderte Mr. Tyson und Jonas konnte hören, daß er sich eine weitere Zigarre ansteckte. Er blies den Rauch neben dem Mikrophon vorbei und fuhr dann fort: “Sie werden mich auf dem Laufenden halten, was Ihre Forschungen ergeben und über das Experiment. Ich will wissen, ob es eine Möglichkeit gibt, die Willensstärke, Ausdauer und den Kampfgeist noch zu verstärken, außerdem möchte ich über die Charakterentwicklung informiert werden. Daß er sich offensichtlich um den anderen kümmert, ist äußerst interessant und Jonas, enttäuschen Sie mich nicht!”

“Ja, Sir, ich halte Sie auf dem Laufenden, Mr. Tyson”, sagte Jonas, doch Mr. Tyson hatte den Hörer bereits aufgehängt. Er atmete hörbar und erleichtert aus, die innere Unruhe, die er empfand, blieb jedoch bestehen. Er hatte Mr. Tyson angelogen und war im Begriff, dies auch weiterhin zu tun, solange es seinen Kopf rettete. Wenn er es herausfinden würde, daß laut den Biodaten, Bens genetische Struktur äußerst instabil war, also das Experiment nicht so erfolgreich war, dann würde er schon bald erfahren, was mit seinem Vorgänger passiert war. Aber solange Peters Daten stabil waren, bestand kein Grund zur Sorge, denn dann war zumindest ein Teil des Experimentes ein Erfolg und das würde es sein, das Mr. Tyson mehr interessieren würde. Jonas wandte sich seinen Mäusen zu, doch er hatte wieder so eine Ahnung. Das Verhalten der Maus hatte sich verändert und er hatte hierfür keine Erklärung, ebenso wenig für den Tod der anderen, aber er hatte ein komisches Gefühl, daß es irgendwie mit der Instabilität Bens in Verbindung stehen könnte. Jonas eilte im Labor an das Terminal, das die Biodaten der Transmitter empfing und rief die Daten der letzten Stunden auf. Er hatte Recht, die Daten Bens schwankten um die Minimalwerte herum und waren kontinuierlich im Sinken begriffen. Der Zellverfall war nicht aufzuhalten und fortgeschrittener, als er erwartet hatte. Danach rief Jonas die Daten Peters auf den anderen Monitor und sein Herz sackte in den Keller. Auch Peters Biodaten zeigten ebenfalls eine genetische Instabilität, ähnlich der Bens und die Werte näherten sich langsam seinen, nur in einer geringeren Rate. Jonas fluchte, doch er wußte, daß er hilflos zusehen mußte, wie sich sein Experiment in Rauch auflöste, wenn er keinen Weg fand, dem Zerfall entgegenzuwirken. Jonas machte sich schleunigst an die Arbeit, die beiden Mäuse zu untersuchen, denn sie stellten die Vorstufe des Experimentes dar. Jonas hätte nie mit der Separation am Menschen begonnen, wenn er sich nicht absolut sicher war, daß das Verfahren funktionierte und zwar erfolgreich. Seine Mäuse waren der Erste Schritt gewesen und seit einem Monat stabil. Jonas hatte sie stets untersucht und keinerlei Anomalie feststellen können. Doch nun stand er vor einem Rätsel, das er zu lösen hoffte, um seinetwillen und für Ben und Peter. Er begann mit der Sektion der Maus.

 

Peter schrak hoch. Er war eingeschlafen, doch nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Sicherheitskräfte des Labors sie nicht gefunden und zurückgebracht hatten, beruhigte er sich wieder. Ben bewegte sich leicht im Schlaf, er sah aus wie der lebende Tod, fand Peter, doch auch er konnte nichts für ihn tun. Es war kühl geworden und Ben zitterte leicht. Peter fröstelte leicht, doch es gab nichts, womit sie sich hätten zudecken können, beide trugen lediglich eine Hose und ein Shirt und sonst gab es nichts, womit sie sich hätten wärmen können, außer dem Feuer, das beinahe heruntergebrannt war. Peter gab erneut einige Holzstöckchen zu, die letzten und wärmte sich die Finger. Der Mond schien noch immer hell und als er in den Himmel blickte, sah er den klaren Himmel, die Sterne leuchteten wie kleine Lichter vor dem unendlichen Schwarz des Nachthimmels. Es war weit und breit keine andere Lichtquelle auszumachen, keine Stadt, die den Nachthimmel künstlich erhellte, was Peter einmal mehr bewies, daß sie völlig alleine auf der Insel waren, außer dem Laborgebäude schien es nichts zu geben. Es schien wirklich keinen Fluchtweg zu geben. Peter schlang die Arme um sich und dachte darüber nach, warum man ihn, sie beide, für das Experiment gewählt hatte. Peter konnte sich nicht daran erinnern, daß er je etwas besonderes gewesen oder getan hatte, es gab keinen Grund, warum man ihn gewählt hatte, außer den einen. Er hatte keinerlei Familie und niemand würde ihn vermissen. Da er vermutete, daß die vom Labor sie nicht verfolgen würden und er ja auch nun den Grund hierfür kannte, konnte er beruhigt schlafen. Doch der Gedanke ließ ihn einfach nicht mehr los, es war alles anders verlaufen, als er es geplant oder vorhergesehen hatte. Er war davon ausgegangen, daß er eine Straße finden würde und jemand ihn in die nächste Stadt mitnehmen würde, doch statt dessen hatte er die Küste einer Insel gefunden und saß nun mit dem anderen auf einer Lichtung in einer kleinen Kuhle, blickte zu den Sternen und wollte sogar wieder zurück, zwar um sich an Jonas für das, was er ihm angetan hatte zu rächen, doch er war immerhin bereit, wieder in das Labor zurückzukehren, auch wenn es dort ein Leichtes war, ihn zu erwischen. Aber, und der Gedanke brachte ihn zum Lächeln, sie würden sicherlich nicht damit rechnen, daß er wieder zurückzukehren plante und diesen Vorteil wollte er nutzen. Irgendwann verloren sich seine Gedanken im Dunkel der Nacht.

 

~Kapitel 10~

 

Jonas wußte nicht mehr, wie spät es war oder welcher Tag, er wußte noch nicht einmal, daß die Sonne wieder aufgegangen war, als er aus einem kurzen Schlaf, der ebenso unruhig gewesen war, aufwachte. Er schrak hoch und seine Augen wanderten unsicher umher, sein Herz raste und die Finger zitterten. Für einen kurzen Moment wußte er auch nicht, wo er war oder was er hier tat, die übliche Desorientierung eines Mannes, der aus einem unruhigen Schlaf in einer unsicheren Umgebung erwachte, seine Vergangenheit ständig in Blitzen an sich vorbeiziehen sah und seine Zukunft verzweifelt versuchte von der Klippe, an der sie sich befand, wegzuholen versuchte. Doch das leise Pochen an seinem Finger erinnerte ihn an die schmerzhafte Konfrontation mit seiner Maus und außerdem an Mr. Tyson , der wie ein böses Omen über ihm und allem anderen, was er oder jemand anderes in dem Komplex tat. Und er, Jonas, bewegte sich auf dünnen, äußerst dünnem Eis, das mit jeder Lüge, die er Mr. Tyson auftischte, zu brechen drohte und ihn dem eiskalten Wasser, das sich darunter befand, aussetzen würde, was auch bedeutete, daß er dem Pitbull näher bringen konnte, als ihm lieb war. Jonas strich sich seinen Kittel glatt und fuhr sich durch die strubbligen Haare, ein äußerst sinnloser Versuch, sie in Ordnung zu bringen. Er holte sich einen Kamm aus der Hosentasche und brachte die Haare professionell in Ordnung. Dann rückte er seine Brille auf dem Weg zur Cafeteria zurecht und holte sich aus dem Automaten einen Schokoladenriegel und kehrte dann wieder in sein Labor zurück. Dort blubberte gerade der Rest heißen Wassers durch das Kaffeepulver und Jonas schenkte sich eine Tasse der tiefschwarzen dampfenden Flüssigkeit in seine Kaffeetasse. Im Labor fühlte er sich zuhause, es war ein Ort, an dem er sich sicher fühlte und ganz er selbst sein konnte. Es war schon immer sein größter Wunsch gewesen, Wissenschaftler zu werden und etwas großes vollbringen zu können, doch so wie sich die Sache entwickelt hatte, würde er schon bald mehr bekommen, als er sich gewünscht hatte. Es war die Chance seines Lebens gewesen, als er so kurz nach seinem Studium hier eine Stelle angeboten bekommen hatte und er wäre ein Narr gewesen, hätte er sie abgeschlagen. Doch manchmal wünschte er, er hätte es, denn hier im Komplex waren Kräfte am Werk, die er nicht genau abschätzen konnte. Er hatte alles, was er sich immer erträumt hatte, sein eigenes Labor, seine eigenen Forschungen und sein Traumprojekt, die einzigartige Gelegenheit, etwas herausragendes zu leisten, doch es hatte nicht den planmäßig erhofften Verlauf genommen und er zweifelte daran, ob es richtig gewesen war, dies zu tun, sein Experiment am Menschen durchzuführen. Wer war er denn, daß er Gott spielte? Er war auch Mediziner geworden, weil er den Menschen helfen wollte und nun hatte er das Leben eines Mannes zerstört, leichtfertig für ein Experiment aufs Spiel gesetzt, nur für seinen Ehrgeiz und seinem Drang nach Anerkennung. Jonas blickte zur Decke, in Gedanken versuchte er sich den Himmel vorzustellen und blickte höher hinauf. Er war kein gläubiger Mann, er war durch und durch Wissenschaftler, für ihn existierten nur Dinge, die er erklären konnte, oder für die er eine Erklärung finden würde, und zu diesen Dingen gehörte Gott nicht, aber nun betete er innerlich für die beiden Männer, betete, daß er einen Weg finden würde, wiedergutmachen zu können, was er falsch gemacht hatte und solange am Leben bleiben zu können, dies zu bewerkstelligen. Er hoffte, daß ihn Mr. Tyson nicht so bald anrufen würde, denn er hatte keine Erklärungen mehr, oh, er hatte noch viele Ausreden auf Lager, die ihm das Experiment in den besten Tönen präsentierten, doch er hatte nicht mehr die Intention, noch länger zu lügen. Jonas war es leid und er wollte nur noch eines, aus dem Alptraum aufwachen, den er sein Leben nannte, seit er dieses Experiment auch nur in Gedanken geplant hatte. Jonas wandte sich seinen Daten wieder zu und rief als erstes die Biodaten seiner Kinder auf, er fand es immer mehr unträglich, das Experiment überhaupt durchgeführt zu haben. Er wünschte, es rückgängig machen zu können, doch er wußte genau, daß es hierfür zu spät war, ebenso wie für die Selbstvorwürfe. Er hatte es begonnen und er war derjenige, der es beenden mußte. Außerdem hoffte er noch immer auf eine Lösung des Zellzerfallproblems und daß es ein gutes Ende nehmen würde. Zu seiner großen Erleichterung waren beide noch am Leben, wenn auch keinerlei Besserung eingetreten war. Aber sie lebten noch und das gab Jonas die Möglichkeit schnellstmöglich einen Weg zur Heilung beider zu finden, auch wenn er damit nicht den Schaden rückgängig machen würde, den er angerichtet hatte. Jonas hatte jedoch einen kleinen Erfolg erreicht, die Autopsie der Maus hatte ihm gezeigt, daß sie an massiven inneren Blutungen gestorben war, die durch massiven Zellzerfall verursacht wurde, sie hatte an sämtlichen inneren Organen Schädigungen und ihre genetische Struktur zeigte nun den gleichen Zerfall wie die Blutzellen Bens. Er hatte seine Verbindung gefunden, er mußte nur noch herausfinden, was diesen Zerfall auslöste. Jonas holte aus seinem Kühlschrank ein kleines Stückchen Käse und wollte die überlebende Maus füttern, doch diese lag ebenso tot in ihrem Käfig wie die andere am vorhergegangenen Tag in deren. Jonas fühlte einen Schock, der bis in sein innerstes ging und sah sich die Testergebnisse von den Blut- und Gewebeuntersuchungen an, die er von ihr gemacht hatte, doch sie zeigten keinerlei Anzeichen der genetischen Störung, im Gegenteil. Diese Maus war so gesund, wie man nur sein konnte. Und nun lag sie tot vor ihm auf dem Tisch. Jonas brauchte keine Autopsie, um festzustellen, daß sie die gleichen inneren Blutungen und Organschäden wie die andere aufweisen würde. Statt dessen nahm er eine Blutprobe, was sich als schwierig erwies, da die Maus schon seit mehreren Stunden tot sein mußte und legte sie unter das Mikroskop. Verglichen mit den Proben der bereits toten anderen Maus war sie genauso geschädigt wie die Probe Bens. Bei Peter mußte sich mittlerweile ebenfalls die Auswirkungen der genetischen Instabilität bemerkbar machen. Jonas rieb sich die Schläfen und begann hilflos mit einer weiteren Testreihe, die hoffentlich die Probleme löste.

 

Ben erwachte mit stechenden Schmerzen im Magen, die ihn äußerst wirkungsvoll und schmerzhaft an die Realität erinnerten. Er hatte einen wunderschönen Traum gehabt, aus dem er hoffte, nie wieder aufwachen zu müssen. Ben streckte seine steifen Gelenke und blickte sich um. Auch er fand es seltsam, in sein eigenes Gesicht zu blicken, obwohl weit und breit kein Spiegel zu sehen war, aber er hatte sich langsam daran gewöhnt, vor allem hatte er es akzeptiert, als er festgestellt hatte, daß der andere auch er war. Dies konnte er sich zwar nicht ganz genau erklären, doch er wußte nun, daß der andere ebenso echt und real war, wie er selbst. Ben sah sich um, die Bäume waren noch immer dort, wo sie am Abend waren und er lauschte den Geräuschen der anderen Waldbewohner. Die Vögel zwitscherten fröhlich und wirkten so unschuldig. Sie wissen sicherlich nicht, wozu die Menschen alles fähig sein können, dachte Ben bei sich und fühlte den durchdringenden Blick Peters auf sich ruhen. Er war schon lange vor Ben erwacht und hatte den schlafenden “Bruder” beobachtet. Dann hatte er die Augen geschlossen und konzentriert seine Sinne erforscht. Er hatte eine ungeanhnte Fülle von Geräuschen und Gerüchen wahrgenommen und als er bemerkte, daß der andere wach war, die Augen geöffnet. Peter fühlte ein Ziehen im Magen, von dem er wußte, daß es nicht von Hunger herrührte, verdrängte es aber wieder. Die Kopfschmerzen waren schwächer geworden als sich seine Nervenzentren im Gehirn an die neuartige Fülle von Informationen anpaßten. Peter saß im Schatten der Bäume, die sein Gesicht in Dunkel hüllten und als er sich aufrichtete, um die Glieder zu strecken, richtete sich auch Ben auf.

“Du blutest”, sagte Ben und Peter sah ich verständnislos an.

“Was?”

“Du blutest an der Nase”, wiederholte Ben und Peter griff sich an die Nase. Er hatte das warme Blut zuvor nicht gespürt, offenbar mußte sich sein Gehirn erst noch daran gewöhnen, die Wahrnehmungen parallel zu verarbeiten. Er fühlte es an den Fingerkuppen, konnte den vertrauten Geruch spüren.

“Das ist nichts”, wiegelte Peter ärgerlich ab und wischte sich mit dem Handrücken das Blut ab. “Wir sollten weitergehen.”

“Wo sollen wir hingehen?” fragte Ben. “Wie weit bist du gestern alleine gekommen?”

“Ziemlich weit”, antwortete Peter, er wußte nicht, worauf der andere hinaus wollte. “Warum?”

“Laß mich hier”, murmelte Ben schwach. “Du kommst ohne mich sowieso viel weiter und du hast die größere Chance. Ich bin nur der Klotz am Bein für dich.”

“Bist du verrückt?” entfuhr es Peter erstaunt. “Du wirst sterben!”

“Ich werde nicht verhungern, wenn es das ist, was du meinst”, erwiderte Ben fest. “Ich kann überleben.”

“Und wie willst du das machen, wenn du ständig das Bewußtsein verlierst und dich vor Schmerzen kaum aufrecht halten kannst?”

“Ich komme schon zurecht”, wiederholte Ben trotzig. “Ich kann auch alleine eine Straße finden, wo mich jemand mitnehmen kann, in die Stadt. Ich will nur nicht mehr zurück. Ich bin dir ein Klotz am Bein und du wärst ein Idiot, wenn du mich mitschleifen würdest.”

“Du hast Recht”, sagte Peter ernst, aber er wollte den anderen auch nicht einfach seinem Schicksal überlassen, zumal er wußte, daß es keinen Weg von der Insel gab. “Du bist mir ein Klotz am Bein.”
Mit einer solchen Antwort hatte Ben zwar gerechnet, doch sie auch zu bekommen hatte er nicht erwartet. Er hatte vielmehr gehofft, eine menschlichere Reaktion von Peter zu bekommen, schließlich waren sie eine Person, früher zumindest.

“Und ich wäre ein Idiot, wenn ich meine Überlebenschance einfach wegwerfen würde, nur um einem Schwächling wie dir zu helfen”, Peters Stimme war kalt wie Eis und schneidend wie ein Messer für Ben. “Ich werde dich zurücklassen und alleine weitergehen, so wie du es gesagt hast Aber gib mir nicht die Schuld, wenn du verhungerst oder sonst etwas.”

“Mach dir da keine Sorgen”, entgegnete Ben schnippisch. Er war verletzt, doch er wollte es Peter nicht zeigen. “Ich komme alleine viel besser klar, als du. Ich brauche dich nicht!”

“Und ich dich nicht!” mit diesen Worten verschwand Peter im Wald, aber Ben fiel auf, daß er eine andere Richtung eingeschlagen hatte, als am Abend zuvor. Er mußte etwas gefunden haben, etwas, das er ihm verschwiegen hatte, doch Ben sah keine Erklärung für das Verhalten Peters. Er wollte weitergehen, aber ein plötzlich und schnell aufkommendes Schwindelgefühl zwang ihn, sich am nächsten Baum abzustützen. Ben wurde schwarz vor Augen und er rutschte mit dem Rücken zum Baum zu Boden. So würde er nicht weiterkommen. Aber er hatte keine Kraft zum Gehen. Er beschloß sich eine Weile auszuruhen, dann würde die Kraft sicher wiederkommen und er könnte es diesem aufgeblasenen Idiot Peter zeigen, der so ein Sturkopf war. Doch dann mußte Ben lächeln, denn er war genauso. Ben schloß die Augen.

 

~Kapitel 11~

 

Peter beeilte sich, durch den Wald zu laufen. Er mochte dem anderen zwar herzlos erscheinen, doch so kalt war er nicht. Er wußte, daß er viel schneller eine größere Fläche absuchen konnte, wenn er alleine vorging und außerdem hoffte er noch immer darauf, daß er ein Boot finden würde, das in einer Bucht vor Anker lag und sie aufs Festland, wo immer das auch war, bringen konnte. Außerdem würden sie wohl auf dem Boot eine Karte oder ähnliches finden können, das ihnen das Problem löste, wo sie waren. Irgendwie mußten die ja auch auf die Insel gekommen sein, wobei Peter vermutete, daß sie ja auch ein Flugzeug haben konnten und das würde auch irgendwo starten und landen müssen. Doch als er eine größere Weile gelaufen war und feststellen mußte, daß die Insel größer war, als er gedacht hatte und er leider auch keinen Flugplatz finden konnte, beschloß er zurückzukehren. Er hatte lange versucht, zu verheimlichen, daß er keinen Weg finden konnte, der ihn weitmöglichst von dem Labor wegbringen konnte, wie es ihm lieber gewesen wäre, doch irgendwann mußte er es dem anderen sagen. Peter wollte sowieso nicht mehr von der Insel verschwinden, alles was er jetzt wollte, war Rache, Rache an denen, die ihm das angetan hatten, die ihn gewaltsam entführten, denn freiwillig wäre er sicherlich nicht gegangen. Er wollte Rache und nur der Gedanke daran, daß er sie bekommen würde, hielt ihn aufrecht, trieb ihn an und nur das war es, was ihn dazu veranlaßte, freiwillig in dieses Labor zurückzukehren. Aber Peter war nicht so kaltblütig, daß er den anderen in seinen Rachefeldzug mit einbeziehen würde. Er wollte ihn in Sicherheit wissen, denn auch wenn er ihn nicht als echt oder als separierter “Zwilling” anerkennen wollte, so fühlte er doch, daß der andere ein Teil von ihm war, ein Teil, den er vermissen würde, wenn er fehlte. Überhaupt hatte er ständig das Gefühl, daß ihm ein Teil seines selbst genommen wurde, seit er in dem Labor erwacht war, er konnte es nur nicht genau bestimmen. In Peter erwachte ein Gefühl, das einem Beschützerinstinkt nahekam, er wußte, daß der andere nicht mehr lange zu leben hatte, die Blässe hatte sich noch verstärkt, was schon beinahe unmöglich war und die roten Adern traten richtiggehend hervor. Peter würde es nicht gerne gesehen haben, wenn das letzte, das der andere zu sehen bekommen würde, Tod und Verderben war. Er machte sich auf den Rückweg.

 

Ben hielt seine Augen  noch immer geschlossen, er atmete unruhiger und hustete. Er versuchte noch immer zu ergründen, was jemanden dazu veranlaßte, anderen Menschen anzutun, was man ihm angetan hatte, ihnen beiden angetan hatte, da es Peter genauso betraf wie ihn. Er bemerkte, daß die Sonne ihm nicht mehr so warm und angenehm ins Gesicht schien und hob die bleiernen Lider.

“Dachte schon, du würdest nicht mehr aufwachen”, grüßte Peter und lächelte schief. Ben blinzelte einige Male und es dauerte eine Weile, bis er Peter scharf sehen konnte.

“Was tust du hier?” fragte er ungläubig. “Ich dachte, du wärst schon längst im nächsten Staat.”

“Dachte ich auch”, sagte Peter und ließ sich neben dem anderen auf den Boden fallen. Er hatte tiefe Ränder unter den Augen und sie zeigten deutlich, daß auch er erschöpft war. Er entschied sich, dem unvermeidlichen nicht länger auszuweichen und dem anderen die Wahrheit zu sagen. “Es gibt keine Straße, alles was ich gefunden habe, ist Wald so weit das Auge reicht, Wasser und zerklüftete Felsen. Wir sind auf einer Insel und wir kommen hier nicht weg.”

Ben atmete enttäuscht aus, er hatte so sehr auf eine Fluchtmöglichkeit gehofft und nun sah er seine Hoffnungen aus seinem Griff entgleiten. Er wollte sich an den letzten Strohhalm klammern und in seinen Augen blitzte es hoffnungsvoll auf, als er fragte: “Insel? Dann gibt es doch sicherlich ein Boot?”

“Hab keines gesehen und das Meer reicht bis zum Horizont und darüber hinaus”, Peter bedauerte insgeheim, dem anderen auf so rohe Weise die Hoffnungen rauben zu müssen, doch es gab keine andere Möglichkeit. “Wir sitzen hier fest und es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir entweder erfrieren, verhungern oder erwischt werden”, knurrte er verärgert.

“Aber bisher sucht uns doch niemand”, warf Ben ein und Peter rollte mit den Augen.

“Klar haben die ihre Suche abgebrochen”, sagte er und hustete leise. “Weil die im Gegensatz zu uns genau wußten, daß wir uns auf einer verdammten Insel befinden und von hier nicht entkommen können. Die nutzen das sicherlich als Teil ihres Experimentes”, er spuckte das letzte Wort förmlich aus.

“Du bist krank, Peter”, sagte Ben und seinen Augen sah man neben der eigenen Erschöpfung auch die Sorge um den “Bruder” an.

“Muß mich wohl erkältet haben”, winkte Peter ab. “Letzte Nacht war es kalt. Mir geht es gut.”

“Wir haben keine Wahl, oder?” fragte Ben leise und blickte Peter an. “Wir müssen zurück.”

“Wir haben immer eine Wahl”, widersprach Peter heftig. “Wir können die Insel durchkämmen und dann finden wir vielleicht einen Flughafen, das geht viel schneller, als mit dem Boot und dann kommen wir von hier weg.”

“Aber du bist krank”, wiederholte Ben besorgt. “Ich möchte nicht zurückgehen, aber wir haben keine andere Möglichkeit. Sieh mich an, ich werde sowieso bald sterben und dir wird es genauso gehen, das kann ich sehen. Wenn wir zurückgehen, kann dir geholfen werden.”

“Wenn ich zurückgehe, dann werde ich dort ein Blutbad anrichten”, schwor Peter hart. “Ich werde mich nicht mehr als Versuchskaninchen mißbrauchen lassen und ich werde dafür sorgen, daß die ihr sogenanntes Experiment, hört sich eigentlich doch ganz harmlos an, nie wiederholen können. Und ob ich dabei draufgehe ist mir völlig egal.”
Ben zuckte zusammen, er hatte Peter nie so energisch gesehen und der Ausdruck in dessen Augen jagte ihm Schauer über den Rücken. Aber er wußte, daß er Recht hatte. Er würde sowieso sterben und Peter wollte es ebenfalls, als wieder in das Labor zurückzukehren, um weiterhin das Versuchskaninchen zu sein. Man sagte, daß man im Leben immer eine Wahl hatte, Peter sagte dies auch, doch Ben wußte, daß man ihnen bereits die Wahl abgenommen hatte, in dem Moment, in dem man das Experiment gestartet hatte. Sie würden nun jetzt diesen Fehler korrigieren und zum ersten Mal, seitdem sie im Labor erwachten, ihre eigenen Entscheidungen treffen.

“Wir kehren zurück und vernichten die Aufzeichnungen von Dr. Jonas”, sagte Ben feierlich, “um zu verhindern, daß sie anderen antun können, was sie uns angetan haben.”

“Oder wir sterben bei dem Versuch”, fügte Peter wild hinzu. Er nahm einen scharfen Stein, den er zu seiner Rechten im Gras fand und drückte ihn in einer Diagonalen über seinen Arm. Er biß die Zähne zusammen, als er den Schmerz fühlte und dann das ausströmende Blut sah. Er gab Ben den Stein, doch der bat ihn, dies zu erledigen, da er sich zu matt fühlte. Peter wiederholte den Schnitt auf Bens Unterarm und beide preßten ihre Arme aufeinander, so daß sich ihre Blut vereinte.

“Vereint im Geiste”, sagte Ben leise und Peter fügte hinzu: “Vereint im Blute.”

Sie machten sich dann gemeinsam auf den Weg zum Komplex, sie hatten nun ein Ziel, eine gemeinsame Aufgabe und sie wirkten nun nicht mehr wie zwei Personen, die zwei Personen waren, sonder wie zwei Personen, die eins sind, wirklich im Geiste und Blut.

“Sie werden uns sicherlich nicht erwarten”, sagte Ben, zwar erschöpft aber irgendwie auch neu erstarkt.

“Nein”, stimmte Peter zu und sein Blick zeugte von Überzeugungskraft und Angriffslust. “Und das wird unser Vorteil und ihr Fehler sein, ihr letzter Fehler.”

 

Jonas überwachte seine letzte Testreihe, wobei er stets die Anzeigen der beiden Männer im Auge behielt. Nun hatte er wirklich jede nur erdenkliche Behandlungsmethode geprüft und war sogar nicht davor zurückgeschreckt, auch die unerdenklichen und unkonventionellen zu versuchen, doch er hatte bei keiner auch nur eine Wirkung festgestellt. Es war beinahe so, als sabotiere ihn seine eigene Arbeit, was eigentlich unmöglich war. Aber Jonas war in den Jahren, in denen er schon im Komplex tätig war, Zeuge mehrerer Vorkommnisse geworden, die er zuvor als unmöglich abgetan hatte, und sein Experiment gehörte mit Sicherheit dazu.

“Verdammt!” fluchte er leise, denn er mußte sich nicht die Ergebnisse des letzten Tests ansehen, um es zu kennen. Mit einem Auge warf er doch einen Blick darauf, da er ein Optimist war und sich an jeden Strohhalm klammerte. Er sah das Ergebnis, das er erwartete und schleuderte das Aufzeichnungsgerät über den Tisch, wo es mit einem leisen Schlag über die Kante schlitterte und zu Boden fiel. Er war so frustiert wie nur selten zuvor in seinem Leben.

“Dr. Jonas”, ertönte eine Stimme direkt hinter ihm und ließ ihn erschrocken zusammenzucken. “Wie läuft Ihr kleines Experiment?”

“Gut, das sehen Sie doch”, brummte Jonas und bereute es gleich darauf wieder. Er hatte nicht gedacht, daß jemand in sein Labor kommen würde und schon gar nicht mit Mr. Tyson. Er war zwar nicht erfreut über das Auftauchen des Mannes, wie immer in Begleitung seines Schlägers, und so fuhr er verlegen herum und blickte direkt in die eiskalten Augen des Mannes, die ihn an die Wand pinnten.

“Ich sehe nur eines”, sagte Mr. Tyson eisig. “Und zwar einen Wissenschaftler, der mit seinem Leben spielt, da er nicht zugeben will, daß sein Experiment fehlgeschlagen ist. Und ich sehe, daß Ihr Experiment zugrunde geht, Dr. Jonas.” Befriedigt sah Mr. Tyson, wie Jonas schluckte und sich die Pupillen des Mediziners vor Schreck weiteten. Jonas hatte wohl nicht damit gerechnet, daß er über alles Bescheid wußte.

“Ich... ich denke nicht, daß...”, Jonas versuchte sich zu rechtfertigen, doch er wußte in dem Moment, als er damit begonnen hatte, das es sinnlos sein würde. “Wieso wissen Sie...?”

“Glauben Sie im Ernst, wir lassen Sie unbeaufsichtigt hier so wichtige Experimente durchführen, daß Sie hier auch nur eine Testreihe ansetzen, die nicht überwacht wird?” Mr. Tyson lachte hart. “Ich hatte Sie für klüger gehalten. Ich weiß auch, daß Sie mir die wahren Ergebnisse über das Experiment vorenthalten wollten und mich mit Falschinformationen abgespeist haben und das war auch schon Ihr zweiter Fehler. Sie können hier nicht einmal auf die Toilette gehen, ohne daß ich nicht davon weiß, geschweige denn arbeiten. Ich wäre doch ein äußerst schlechter Firmenchef, wenn ich nicht über jeden Schritt meiner Mitarbeiter Bescheid wüßte, nicht wahr?”

Seine rechte Hand, der “Pitbull” nickte stumm. Auf seinem kahlen Kopf spiegelte sich das Laborlicht, wohl die einzige Wärme, die es ihn diesem Mann gab. Es gab offensichtlich nur einen Mann, der noch kälter war, und das war sein Boß.

“Sie dachten wohl, ich verstünde nichts von dem hochwissenschaftlichen Kram, den Sie hier veranstalten, Dr. Jonas”, fuhr Mr. Tyson fort, seine Stimme war scharf wie ein geschliffenes Schwert und ebenso einschneidend. “Aber da haben Sie sich geirrt, aber das wird Ihr letzter Fehler sein, den Sie hier gemacht haben.”

“Was werden Sie jetzt tun?” Jonas wollte die Antwort eigentlich nicht hören, er kannte sie bereits. Er sank verzweifelt in seinem Stuhl zurück und wußte, daß es nichts mehr gab, das er für sich tun konnte, ebensowenig wie für die beiden Männer.

“Wie ich sehe, kommen Ihre Versuchskaninchen zurück”, stellte Mr. Tyson statt dessen mit einem Blick auf den Überwachungsmonitor fest. “Und wir werden sie erwarten.”

“Was bedeutet das?” Jonas Stimme war der mißbilligende und besorgte Unterton deutlich anzuhören. Er wußte, er hatte sein Leben verwirkt, aber er versuchte die beiden Männer zu retten. “Sie werden sie doch nicht töten?”

“Sie sterben sowieso, Doktor”, sagte Mr. Tyson kalt. “Das Experiment war ein Fehlschlag und Fehlschläge werden vernichtet.”

“Nein!” protestierte Jonas energisch und sprang von dem Stuhl auf. “Das können Sie nicht tun, bitte töten Sie sie nicht, ich bitte Sie!”

“Sie sterben sowieso”, wiederholte Mr. Tyson und seine Stimme gefror zu Eis. “Und Ihre Nützlichkeit endet, wenn die beiden vernichtet wurden.”

Damit ließ er Jonas alleine, der sein gesamtes Leben über sich einbrechen fühlte. Fassungslos starrte er Mr. Tyson nach, seine Worte hallten noch immer in seinen Ohren nach. Der Kerl nutzte ihn als Köder, sollten die beiden Männer wider Erwarten an den Wachen vorbeikommen, die wohl abgezogen wurden, um sie ihn Sicherheit zu wiegen. Es wirkte alles so unwirklich, alles kam ihm wie ein böser Traum vor, nur daß es aus diesem kein Erwachen geben würde. Jonas fuhr sich wild durch die Haare und stieß die Kolben vom Tisch. Glas splitterte laut, als die Gefäße auf den harten Laborboden fielen, die Inhalte ergossen sich über den Boden und bildeten bunte Lachen, das Blut aus den Probephiolen vermischte sich und floß ineinander. Jonas schlug das Mikroskop um, das sich auf die Seite legte und er trat gegen den Tisch. Es war zwar zuerst nur ein Experiment gewesen, doch nun sah er mehr in den beiden, als nur das Experiment, das sie waren. Er wollte sie nicht sterben sehen, er sorgte sich um sie. Jonas rückte sich den Kittel zurecht und bedauerte es, sosehr die Kontrolle verloren zu haben. Es mußte doch einen Weg geben, das Experiment noch erfolgreich abschließen zu können, wenn nicht für ihn, dann für die beiden. Er stöhnte laut auf, als er die vergossenen Blutproben auf dem Boden entdeckte, die einzige Chance, die er hatte, um eine Möglichkeit den Zerfall aufhalten zu können, zu testen. Er fiel auf die Knie und versuchte zu retten, was zu retten war, doch dann hatte er eine äußerst verrückte Idee. Es heißt, in Krisensituationen werden die meisten Erfindungen aus den verrücktesten Ideen geboren und dies schien auch hier der Fall zu sein. Jonas nahm sich einen Objektträger, der nicht zerbrochen war und vermischte mit einem Spatel die Blutproben miteinander. Dann stellte er das Mikroskop vorsichtig auf und legte den Objektträger darunter. Glücklicherweise war keine der Linsen im Mikroskop gesprungen und er stellte die richtige Vergrößerung und Schärfe ein. Dann blickte er durch und lächelte, zum ersten Mal seit er die Testreihen begonnen hatte. Es schien so, als habe diese Vermischung der Proben dem Zellzerfall Einhalt geboten, denn die Zellen lösten sich nicht mehr auf und sie schienen sich sogar vor seinen Augen zu regenerieren. Jonas hatte so etwas noch nie gesehen und konnte es sich auch nicht erklären, aber es würde ihm die Zeit verschaffen, die er benötigte, um eine mögliche Ursache für das Auftreten des Zellzerfalles zu finden. Er eilte zu seinem Telefon und wählte die Nummer von Mr. Tysons Büro, doch es meldete sich niemand. Statt dessen erhielt er nur ein durchgängiges Piepen. Man hatte ihn aus dem Telefonnetz geschaltet, damit er niemanden kontaktieren konnte. Entsetzt rannte Jonas zur Türe, nur um festzustellen, daß er eingesperrt war. Der Computer erkannte seinen Code der Ersatzkarte nicht an, er konnte nicht entkommen. Verzweifelt wandte er sich an die letzte Möglichkeit, sich mitzuteilen. Er lief in die Mitte des Labors und sprach in die Luft.

“Mr. Tyson, ich habe eine Möglichkeit gefunden, den Zerfall zu stoppen”, sagte er hilflos, nicht wissend, ob ihn der Mann hörte. “Ich kann das Experiment noch zu einem erfolgreichen Abschluß bringen, verstehen Sie?”

Er erhielt keine Antwort, irgendwie hatte er auch keine erwartet, die Worte von Mr. Tyson waren eindeutig gewesen, aber er hatte doch noch einen Funken Hoffnung in sich, der nun auch erlosch.

In seinem Büro saß Mr. Tyson hinter seinem Schreibtisch und legte die Fingerspitzen aneinander. Er beobachtete über seinen Überwachungsmonitor, wie Jonas im Labor auf und ab ging, er hörte, was er sagte und er lächelte dabei. Er war keinesfalls bereit, ihm den Fehler nachzusehen, ein Exempel mußte statuiert werden. Aber er hatte noch andere Wissenschaftler, die nach Jonas‘ Ergebnissen das Experiment wiederholen konnten und es erfolgreich zum Abschluß bringen würden. Außerdem war der Tod Jonas eine exzellente Motivation für die anderen. Er nahm den Hörer ab und wählte die Sicherheitszentrale, um ihnen mitzuteilen, daß sie sich bereithalten sollten. Aus Jonas Aufzeichnungen hatte er den Code für die Diagnoseimplantate erfahren und gab ihn den Sicherheitsbeamten durch, die damit die beiden erwarten konnten. Er gab jedoch eindeutige Befehle. Mr. Tyson erteilte zwar den Schießbefehl, jedoch sollte man sie zunächst in einen Kampf verwickeln, damit er weitere Daten erhalten konnte, für das nächste Experiment und um annähernd das Ziel zu erreichen, das geplant war. Außerdem wollte er selbst dabei sein, wenn die beiden Männer zurückkehrten. Sein Begleiter, der “Pitbull”, stand hinter ihm und schwieg.

Kapitel 12-13