~Kapitel 12~

 

Ben und Peter bewegten sich weiter auf den Komplex zu. Peter hatte dank seines außerordentlichen Orientierungssinnes den richtigen Weg parat und so war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ihr Ziel erreichen würden. Je länger sie unterwegs waren, desto größer wurden Peters Respekt für den anderen. Er war bereit gewesen, in den Komplex zurückzukehren, obwohl er dies nie getan hätte. Nur die Sorge um ihn hatte den anderen zu dieser Entscheidung bewogen, etwas, das Peter nicht ganz verstand. Es ging dem anderen schlechter, doch er ließ es sich nicht anmerken. Tapfer schritt er voran und in seinen Augen brannte ein Feuer, das Peter zuvor nicht bemerkt hatte. Der andere schien sich nur um sein Wohl zu sorgen und nicht um das eigene. Peter wußte nicht, ob er so reagieren würde. Sein einziges Ziel war die Rache und für ihn war auch klar, daß er sterben würde, um sie zu bekommen. Aber er hatte dies nicht vor, denn vielleicht konnte Jonas sie heilen und ihnen dann als Schutzschild dienen, wenn sie von der Insel kommen wollten, ihnen vielleicht sogar helfen. Das war der zweite Gedanke, der Peter antrieb und den er mit dem anderen teilte. Beide waren erschöpft, hungrig und ihre Kehlen waren wie ausgedörrt. Doch keiner von ihnen ahnte auch nur im Entferntesten, welchen Preis ihre Rückkehr ihnen abverlangen würde. Peter, der vorausging und sie anführte, blieb stehen und wies den anderen an, ebenfalls stehenzubleiben. Er hatte schon von weitem die Hunde gehört, die von ihren Führern noch zurückgehalten wurden. Peter fragte sich aus welchem Grund und für wie lange noch. Als er dem Komplex näherkam, konnte er auch hören, wie einige Gewehre entsichert wurden.

“Das Empfangskommitee”, wisperte Peter, als der andere zu ihm aufgeschlossen hatte. Ben fragte in der gleichen Lautstärke, wie viele es seien.

“Zu viele für uns”, mußte Peter knirschend zugeben, obwohl er sich durchaus in der Lage fühlte, mit ihnen fertigzuwerden. Er war sich nur nicht ganz sicher, ob er dies mit dem anderen als Anhängsel schaffen konnte. Außerdem hatten die Waffen und er nur einen schwachen Begleiter, der wohl kaum in der Lage war, zu kämpfen.

“Wir sollten uns bewaffnen”, schlug Ben vor und sah sich nach etwas passendem um. Peter verschwand hinter einigen Bäumen und kehrte kurz darauf mit zwei Ästen wieder, von denen er einen dem anderen reichte.

“Das sollte ausreichen”, erwiderte er dann und sah in Richtung der Männer. Er zählte ein knappes Dutzend Gegner mit vier Hunden, im Eingang schien es ruhig zu sein. Sie mußten als nur an den Männern vorbei und dann die Eingangshalle erreichen. Daß es dort ruhig war, erschien ihm verdächtig, er ahnte, daß es eine Falle sein mußte, doch dieses Wissen würde ihm nur noch einen Vorteil verschaffen. Ben versuchte ebenfalls etwas zu erkennen, doch sein Blick verschwamm und er sah nur einige Umrisse, die sich sporadisch bewegten.

“Worauf warten die?” fragte er neugierig und Peter lächelte.

“Auf uns natürlich”, entgegnete er dann. “Die wissen genau, daß wir kommen, und ich finde, wir sollten sie nicht enttäuschen.”

Peter streckte sich und stürmte dann wütend brüllend auf die zunächst verdutzten Soldaten zu. Er nutzte das Überraschungsmoment, denn die anderen hatten wohl nicht damit gerechnet, so schnell angegriffen zu werden. Und Peter wußte genau die Situation auszunutzen, damit er so viele wie möglich im ersten Angriff ausschalten konnte, denn dann waren später weniger übrig, die es zu besiegen galt. Ben sah nur ein heilloses Durcheinander aus dunklen Uniformen, er konnte Peter nicht genau ausmachen. Er hörte die Stimmen und die Hunde, doch es kam ihm so fern vor. Als er Peter erkennen konnte, sah er, daß ihm Blut aus den Mundwinkel, Nase und einer Platzwunde auf der Stirn tropfte, aber etliche der Männer waren durch gezielte Schläge mit dem Ast und kräftigen Fausthieben und Fußtritten zu Boden gegangen. Die Hunde bellten wütend, aus ihren Schnauzen lief der Speichel und ihre Augen funkelten. Ihre Führer hatten alle Mühe, mit ihnen fertig zu werden, dennoch wurden sie nicht losgelassen.

“Worauf wartest du noch?” rief Peter ärgerlich in Richtung des anderen, der noch immer wie angewurzelt herumstand, den Ast in der Hand. Peters Kampfgeschrei hallte im Wald wieder, es hörte sich beinahe so an, wie ein wildes Tier. Peter spürte, wie sein Adrenalinspiegel sprunghaft zu Höhen anstieg, in denen man wohl den Blutspiegel im Adrenalin messen würde. Seine Lust zu kämpfen wuchs ebenfalls. Er fuhr sich mit der Zunge über das Blut im Mundwinkel, schmeckte das Blut und die Energie, mit der er in den Kampf gezogen war, verstärkte sich noch mehr. Er zog die Oberlippe zurück und bleckte die Zähne. Er knurrte wütend und trieb sich selbst noch mehr in die Rage und Blutlust. Die Sicherheitskräfte hatten ihre anfängliche Starre überwunden und griffen nun aktiver in den Kampf ein. Sie zogen jedoch noch nicht ihre Waffen, die ihn den Halftern über der Schulter der dunklen Uniform hingen, sondern zogen es vor, mit Schlagstöcken und bloßen Händen zu kämpfen. Peter konnte sich dies nicht erklären, doch in diesem Moment war er nicht an Erklärungen interessiert. Alles, was zählte, war seine Rache und daß er so viele Männer wie möglich mitnehmen konnte. Er ging mit bloßen Händen auf die Männer los, er trat in Magengruben, schlug wie ein Bär auf die Sicherheitskräfte ein und streckte einige mit gezielten Fausthieben zu Boden. Das dumme daran war nur, daß sie dort nicht liegenblieben. Ben wunderte sich, warum sie ihre Waffen nicht zur Hilfe nahmen oder die Hunde losließen, doch dann erkannte er die Ursache. In der zuvor leeren Eingangshalle des Komplexes standen nun zwei Männer. Einer von ihnen war ein riesiger Schwarzer, der einen respektvollen Abstand zu dem anderen Mann wahrte. Ben bemerkte, daß er die Hundestaffel mit einem Wink zurückrief. Die Führer zogen sich mit ihren Hunden zurück und kehrten bald mit Schlagstöcken bewaffnet zurück, um in den Kampf einzugreifen. Peter kämpfte wie ein Löwe, doch auch er sah sich bald in eine Defensivposition zurückgedrängt. Ben war ein wenig übel, die Brutalität, mit der Peter in den Kampf eingetreten war, war etwas, das er nicht erwartet hatte. Er war überrascht und auch ein wenig abgestoßen, es hatte den Anschein, als würde Peter der Kampf gefallen, zwischen einigen Schlägen fand er noch immer die Gelegenheit für einige lockere Sprüche. Bens Augen weiteten sich erschreckt, als er sah, daß Peter von einigen Männern festgehalten wurde, die auf ihn einschlugen. Trotz der Brutalität in seinem Kampfstil und dem Gefallen, den er daran fand, beides Tatsachen, die Ben nicht gerade gutheißen konnte, beschloß er nun ebenfalls in den Kampf einzugreifen und taumelte mit erhobenem Ast auf den Platz. Er konnte nicht zulassen, daß diese Männer Peter verletzten. Die Soldaten waren von dem Neuankömmling für einen Moment irritiert und es gelang Ben zwei der Männer mit seinem Stock außer Gefecht zu setzen. Peter nutzte die Gelegenheit um sich von den Soldaten zu befreien, die ihn festhielten und schlug sie in einer eleganten Aufwärtsrolle mit den Schuhen k.O. Er spürte, wie sich der eiserne Griff, der ihm zuvor die Arme auf den Rücken gedreht hatte und löste sich. Dann fuhr er herum, in seinen Augen funkelte die Wut. Er knurrte wie ein Tier und ging auf den nächstbesten Mann mit bloßen Händen los. Er packte ihn und drehte ihm brutal den Arm auf den Rücken. Der Mann gab einen erschreckten Laut von sich und stöhnte vor Schmerzen auf, als hörbar der Arm aus dem Gelenk kugelte. Peter drückte ihm mit seinem anderen Arm den Hals zu und mit einem Röcheln, das schon kurz darauf erstummte, ging der Mann zu Boden. Peter sah nur noch den Kampf. Seine Wildheit war vollends erwacht und für ihn zählte nur noch die Blutlust, er sah die Realität nur noch wie durch einen roten Schleier und die Kampfgeräusche trieben ihn nur noch an. Ben beobachtete erschrocken, wie Peter einen Soldaten nach dem anderen zu Boden schickte und er wunderte sich, ob sie noch am Leben waren, aber vor allem, ob es Peter auch wunderte. Doch in dessen Gedanken herrschte die Gewalt vor, die tierischen Urinstinkte trieben an die Oberfläche und gewannen die Oberhand in seinem Denken. Die Soldaten wurden von ihm überrascht, sie hatten zwar ihre Befehle, doch nicht nur einer stellte langsam in Frage, ob es klug war, noch länger auf die Waffen zu verzichten.

Mr. Tyson musterte befriedigt die Szenerie. Für ihn zählte der Gedanke, ob die Männer, die zu Boden gingen, noch lebten oder nicht, keinesfalls. Für ihn waren sie nur Kanonenfutter und absolut entbehrlich. Wichtiger war es, das Experiment in dem geplanten Einsatzgebiet zu sehen und was er sah, befriedigte ihn noch mehr. Wenigstens dieser Teil verlief genau nach Plan und er würde dies bei dem nächsten Experiment mit einbeziehen, das er in Gedanken bereits plante.

“Perfekt”, sagte er, seine Mundwinkel umspielte ein zufriedenes Lächeln. “Er kämpft ausgezeichnet.”

“Er kämpft um sein Leben”, erwiderte der “Pitbull” und Mr. Tyson drehte sich zu ihm um.

“Nein, sehen Sie genau hin”, sagte er und deutete auf das Schlachtfeld, zu dem er neue Männer beordert hatte. “Er kämpft nicht um sein Leben, er kämpft, weil es in seiner Natur liegt. Niemand kann seiner Natur entfliehen. Aber wollen doch mal sehen, was passiert, wenn es um sein Leben geht”, er nahm sein Funkgerät und wies die Männer an, nun mit Messern zu kämpfen, direkt auf Peter gerichtet, der andere war egal. Die Männer befolgten den Befehl ohne zu zögern. Sie waren hierfür ausgebildet worden und ein guter Soldat befolgte stets die Befehle des Vorgesetzten ohne sie ihn Frage zu stellen.

Peter bemerkte das Aufblitzen des blanken Stahls an der Seite. Die Sonne stand hoch am Himmel und es war heiß, doch Peter schien dies nicht zu bemerken. Er war einzig und allein auf die Angreifer fixiert, die ihn nun mit größerer Intensität angriffen, als zuvor. Mit dem anderen schienen sie sich nicht zu befassen, der war ohnehin viel zu geschwächt, um weiterzukämpfen. Peter wich den Messern aus und teilte weitere Fausthiebe und Tritte aus, die ihm die Angreifer auf Armeslänge vom Leib hielten. Er schwang den Ast und traf einige Soldaten seitlich am Kopf, die wie gefällt zu Boden stürzten. Peter nutzte die Gelegenheit und besorgte sich ebenfalls ein Messer.

“So sind die Chancen doch ausgeglichen, Jungs!” rief er triumphierend und wich einem Schwinger aus. Die Messerspitze streifte ihn an der Brust, riß sein Hemd auf und zog einen dünnen roten Strich quer über die Brust. “Das war’s Jungs, jetzt ist Showtime! Genug gespielt, nun wollen wir richtig kämpfen!” Mit einem weiteren Kampfschrei stürzte er sich auf die Männer, in der einen Hand wirbelte er den Stock, in der anderen ließ er das Messer aufblitzen und in den Augen leuchtete es gefährlich. Die Männer hatten den entscheidenden Fehler gemacht, das Raubtier zu verletzen, anstatt es zu töten. Ben verteidigte sich gegen einen Mann, und unterlag ihm. Der Soldat stand über ihm, das Messer triumphierend erhoben, bereit, zuzustechen, doch ein singendes Geräusch schwirrte durch die Luft und endete im Messergriff, der aus dem  Rücken des Mannes herausragte. Dieser ging in die Knie, die Augen erstaunt geweitet und sein Messer flog durch die Luft, genau in Peters Hand. Der Soldat brach über Ben zusammen, der unter ihm begraben wurde. Peter drehte sich um und traf einen anderen Mann mit dem Stock, der auch zu Boden ging.

“Muß irgendwo ein Nest von denen geben”, knurrte er, als noch mehr Männer in Uniform den Platz betraten. Doch in dem Moment fühlte er sich, als könne er es mit einer ganzen Armee aufnehmen. Er packte einen Mann, der sich von hinten an ihn heranschlich inmitten einer leichten Linksdrehung und warf ihn über den Platz. “Mußt lernen, keinen Knoblauch zu essen, wenn du mit dem Wind angreifst, Freund!” höhnte er, doch für lockere Sprüche hatte er eigentlich keine Zeit, noch den Atem, denn schon galt es sich den nächsten zu stellen. Peter wirbelte so schnell herum, daß die Männer Mühe hatten, ihm zu folgen. Sie würden auch nicht sehen, was sie traf, denn Peter wirbelte mit der Hand etwas Staub auf und schleuderte ihn einigen Soldaten ins Gesicht, bevor er sie mit gezielten Hieben außer Gefecht setzte. Seine Sinne waren in höchster Alarmbereitschaft und er versuchte sich den Weg zum Eingangsbereich vorzukämpfen.

Mr. Tyson beobachtete noch immer höchst zufrieden lächelnd den zur Arena gewordenen Vorhof und begrüßte den Einfallsreichtum, mit dem Peter kämpfte. Er setzte alle möglichen zur Verfügung stehenden Mittel ein, nachdem er sich eine Waffe erbeutet hatte, warf er den Stock weg und begann auf die Männer zu schießen, während er mit der anderen Hand das Messer erfolgreich einsetzen zu wußte. Er blutete aus mehreren Schnitten am Arm und seine Wange war blutverschmiert, doch er schien keinerlei Anzeichen von Erschöpfung oder Ermüdung zu zeigen. Im Gegenteil, je länger er kämpfte, desto wilder und entschlossener kämpfte er. Mr. Tyson zögerte den Feuerbefehl noch hinaus, auch wenn der Kommandant der kämpfenden Truppen per Funk verlangte, schießen zu dürfen, bevor noch mehr Männer draufgingen. Er wollte die Früchte der Forschung sehen, studieren und die Schwächen frühzeitig erkennen, um sie beim zweiten Versuch endgültig ausmerzen zu können. Er sah den anderen gerade unter einem Soldaten mühselig hervorkriechen und sich aufrichten. Ben griff sich an den Magen, die Schmerzen hatten sich verstärkt und rührten nicht von den Schlägen her, die er hatte einstecken müssen. Er hatte sicherlich mindestens eine gebrochene Rippe, mehrere Quetschungen und Blutergüsse am ganzen Körper. Außerdem blutete er aus einer Wunde am Oberarm und sein Gesicht würde wohl keine Frau im momentanen Zustand für attraktiv befinden. Um ihn herum drehte sich der Platz und er schüttelte die Schwindelgefühle ab. Dann entdeckte er Peter, der gerade einen ziemlich großen Kerl mit zwei Schüssen niederstreckte und dann, nachdem er bemerkt hatte, daß seine Waffe leer war, ihm den Kolben an die Schläfe hieb. Der Riese fiel zu Boden und Peter nahm sich die Waffe von dem Mann, damit er nicht ganz unbewaffnet war, denn sein Messer steckte im Unterleib eines anderen Sicherheitsbeamten, der sich hinterrücks an ihn schleichen wollte.

“Peter!” rief Ben erschrocken, als er die Brutalität sah, mit der er vorging.

“Verschwinde von hier!” brüllte Peter in Richtung des anderen. “Ich schaffe das schon alleine, hinter dem Haus ist ein Helikopter, ich konnte die Rotoren hören. Flieh, solange du kannst!”

“Ich lasse dich nicht hier!” widersprach Ben und versuchte Peter zu helfen.

“Faszinierend”, machte Mr. Tyson hocherfreut. “Überaus interessant. Er kämpft um sein Leben, skrupellos und absolut wild, er schert sich einen Dreck darum, ob seine Gegner lebend zu Boden gehen, aber... Sie werden etwas für mich tun”, wandte er sich an den “Pitbull”. “Sie werden in den Kampf eingreifen, Sie sind mein bester Mann. Sein eigenes Leben ist nicht so wichtig, er zeigt keinerlei Angst davor, getötet zu werden, auch wenn sein Leben bedroht ist. Im Gegenteil, das macht ihn wilder und aggressiver. Nun wollen wir doch mal sehen, was passiert, wenn ein anderes Leben in Gefahr gerät.”

Der “Pitbull” verstand genau die Anweisung und lief geduckt an den Kämpfenden vorbei. Er hatte ein klares Ziel vor Augen, doch er hatte nicht mit den erweiterten Sinnen Peters gerechnet. Peter bemerkte die kurze Unsicherheit in den Augen seines Gegners, der einen guten Blick auf den “Pitbull” hatte, bemerkte das Zögern, in Erwartung neuer Anweisungen und nutzte die Chance, indem er ihn mit einem plazierten Schwinger ins Land der Träume schickte. Dann wirbelte er herum und erkannte das Ziel des großen Schwarzen sofort. Er hastete ihm hinterher und packte ihn an der Schulter. Er riß ihn herum und blickte den großen Mann an. Normalerweise hätte er nicht den Hauch einer Chance gegen den “Pitbull” gehabt, der Mann war gut einen Kopf größer als er und doppelt so breit, doch Peter war so von dem Adrenalin aufgeputscht, der Geruch von Schweiß und Blut trieb ihn zur Raserei, so daß er weder den Unterschied realisierte, noch der etwas ausmachen würde.

“Wo soll’s denn hingehen, Kumpel?” fragte er den “Pitbull” und hieb mit der Faust dem Mann in den Magen, dann setzte er einen Schwinger ans Kinn hinterher. Der große Schwarze taumelte nicht, sein Kinn zuckte zur Seite, doch sonst blieb er Peter gewachsen. Es war beinahe so, als habe er Muskeln aus Eisen und Knochen aus Stahl. Der “Pitbull” holte seinerseits zu einem Schlag aus, der Steine zertrümmern konnte und Peter wurde einige Meter weit nach hinten geworfen. Er schüttelte den Kopf um das Klingeln in seinen Ohren zu entfernen und stürzte dann brüllend auf den großen Mann. Sie rangen eine Weile, der Schwarze machte sich nicht die Mühe, seine Waffe zu ziehen, da er mit Peter mit bloßen Händen fertig werden konnte und wollte. Peter hatte ein weiteres Messer aus einem Soldaten gezogen, der am Boden lag und hieb damit auf den “Pitbull” ein.

Mr. Tyson beobachtete diese Neuentwicklung und studierte sie eingehend. Damit hatte er nicht gerechnet. Peter schien auf den anderen aufzupassen, sonst hätte er wohl kaum seine rechte Hand so schnell ausmachen können. Er bemerkte, daß sich Peter bemühte, den Schwarzen zu überwältigen und sogar einige Erfolge erzielen konnte, da dieser bereits aus mehreren Schnittwunden blutete. Peter nahm einen großen Ast und hieb dem Schwarzen in die Kniekehlen, worauf dieser nach vorne kippte und auf die Knie fiel. Peter nutzte die Gelegenheit und hieb ihm in den Rücken, doch was er erreichte, war, daß der Stock über den gespannten Muskeln zerbrach. Mr. Tyson sprach in sein Funkgerät und wies einen anderen Soldaten an, sich um den anderen zu kümmern. Ein junger Sicherheitsbeamter stand direkt hinter Ben, als er die Mitteilung erhielt. Er reagierte sofort und packte Ben um die Schultern. Ben war viel zu geschwächt und überrascht, um sich zu wehren. Der Mann drehte ihm einen Arm auf den Rücken und hielt ihm ein Messer an die Kehle. Der “Pitbull” bemerkte sofort die veränderte Lage und richtete sich auf. Die anderen verbliebenen Soldaten, die noch aufrecht standen, hatte sofort nach dem Eingreifen des Schwarzen ihren Angriff abgeblasen und standen nun im Halbkreis an der Seite, um eingreifen zu können. Sie waren alle außer Atem, bluteten aus Schnitt- und Schußwunden, ihre Uniformen waren zerrissen, die Haare zerzaust und heilfroh, nicht mehr weiterkämpfen zu müssen. Der “Pitbull” baute sich zu seiner vollen Größe vor Peter auf und lachte hart. Peter wußte nicht genau, warum er dies tat, doch auch er bemerkte, daß die Männer aufgehört hatten, zu kämpfen. Und dann sah er auch den Grund.

“Laßt ihn gehen!” befahl er dem Schwarzen, doch der lachte nur noch mehr. Er hob ein Funkgerät vom Boden auf und erwartete neue Anweisungen von Mr. Tyson. Der hatte nur eine. Der Schwarze holte seine Waffe aus dem Holster und zielte damit auf Peter.

“Laßt ihn gehen!” wiederholte Peter und funkelte den Schwarzen gefährlich an. “Sonst werdet ihr es bereuen.”

“Bereuen?” lachte der Schwarze. “Falls du es vergessen hast, der Mann hält eine Klinge an die Hals deines Freundes und ich bin es, der die Waffe auf dich gerichtet hat.”

“Oh, ja?” Peter klang unbeeindruckt. Der Schwarze begann den Abzug zu betätigen und dann ging alles rasend schnell. Peter stürzte sich wie ein wildes Tier auf den “Pitbull” und erreichte ihn noch bevor dieser schießen konnte. Er drehte ihm den Arm um und drückte ihm die Hand zusammen, so daß er den Auslöser betätigte. Der Schuß traf den jungen Soldaten hinter Ben mitten in die Stirn. Der Mann hatte keine Zeit irgendeinen Laut von sich zu geben, da brach er zusammen, das Messer fiel klirrend zu Boden. Ben stand wie versteinert da, seine Augen waren geweitet vor Schreck und in seinen Ohren hallte der Schuß noch immer nach, ein klingelndes Geräusch. Er war so erschrocken, daß er für einen Moment sogar vergaß, zu atmen. Auch der große Schwarze war überrascht, damit hatte er nicht gerechnet. Doch der “Pitbull” klärte seinen Kopf von der Überraschung und warf Peter ab. Dann hob er seine Waffe auf, die in dem Kampf ebenfalls zu Boden gegangen war und legte auf  Peter an. Dieser schüttelte benommen den Kopf und sah nicht, daß der Schwarze auf ihn zielte. Ben  löste sich aus seiner Starre, als er die direkte Gefahr bemerkte, in der sein “Bruder” schwebte. Er gab einen erschrockenen Laut von sich und nahm all seine Kraft zusammen, er rannte los. Er konnte nicht zulassen, daß jemand Peter schwer verletzte oder sogar tötete. Auch wenn ihn dessen Brutalität abstieß, sogar anekelte, er war noch immer ein Teil von ihm.

“Peter, nein!”

Es geschah alles wie in Zeitlupe. Peter drehte sich um, er sah den Blitz der Entladung und Ben aus den Augenwinkeln herankommen. Er wollte ihn aufhalten, doch es war zu spät. In diesem Moment kreuzte Ben die Flugbahn der Kugel und sie traf ihn mitten in die Brust. Sein eigenes Bewegungsmoment trug ihn noch weiter und er prallte gegen Peter. Ben atmete schwer und stöhnte vor Schmerz. Peter hörte in der Ferne wie durch einen Nebel, wie der Captain der Sicherheitsbeamten befahl, man solle einen Arzt rufen. Der “Pitbull” stand an der Seite und beobachtete die beiden, er sprach leise in sein Funkgerät mit Mr. Tyson, der noch immer von der Eingangshalle aus das Geschehen verfolgte.

“Wieso?” fragte Peter leise. Er war verwirrt, verstand nicht, warum sich der andere für ihn opferte. “Wieso hast du das gemacht?”

“Ich sterbe sowieso”, erwiderte Ben leise stöhnend. Er hustete und schmeckte Blut auf der Zunge. “Ich weiß, daß ich keine Chance habe, auch wenn Dr. Jonas etwas gefunden haben sollte, das mir helfen kann, für mich ist es zu spät. Aber du...”, Bens Blick wurde glasig und reichte ins Leere, “...sollst leben, Peter.”

Bens Kopf fiel zur Seite, Blut rann ihm aus dem Mundwinkel. Peters Hemd, nur noch ein Fetzen Stoff, war blutverschmiert, seine Knöchel aufgeschürft. Er hielt den anderen in seinen Armen.

“Wieso?” er konnte es nicht verstehen. Der andere war bereit gewesen, freiwillig ins Labor zurückzukehren, weil es ihm, Peter, schlecht ging. Und er hatte tapfer gekämpft, auch wenn er wußte, daß er keine Chance hatte, in seinem geschwächten Zustand. Und nun war er gestorben, an einer Kugel, die ihn hätte treffen sollen. Er hatte seine Fluchtmöglichkeit aufgegeben, nur um ihm zu helfen und jetzt sogar sein Leben. Peter dachte nach, in seinem Kopf baute sich die Wut auf.

“Ich werde dich rächen, dein Opfer war nicht umsonst gewesen, Ben”, versprach er leise und zum erstenmal benutzte er den “Namen” des anderen, erkannte ihn als eigenständiges Wesen an. Er hatte sich im Kampf bewährt und als würdiger Krieger erwiesen. Neben sich auf dem Boden lag ein Soldat. Er suchte unmerklich die Taschen ab und nahm das Messer aus dem Heft. Der Schwarze war zu ihm getreten und wollte beenden, was er zuvor versucht hatte, doch er rechnete nicht mit dem, was geschehen würde. Mit dem wilden Aufschrei eines Tieres sprang Peter hoch, im Sprung drehte er das Messer in seiner Hand und rammte es dem “Pitbull” mitten ins Herz. Der Mann hatte keine Zeit noch den Abzug zu betätigen oder irgendwie zu reagieren. Mit einer Mischung aus Überraschung und Entsetzen, die sich in seinen toten Augen widerspiegelte, fiel er zu Boden, wie eine Marionette, deren Fäden man durchtrennt hatte.

“Das ist für dich, Ben”, sagte er leise. Die Soldaten waren so verdutzt, daß sie nicht reagieren konnten. Ihre Ausbildung hatte sie eigentlich darauf trainieren sollen, solche Schrecksekunden nicht zu haben, doch niemand hatte sie auf einen derartigen Einsatz vorbereitet. Irgendwo in dem Gebäude mußte der Verantwortliche für das Experiment sein, und den wollte Peter finden. Nun war ihm alles egal, an eine Flucht von der Insel dachte er schon lange nicht mehr. Alles was er jetzt im Sinn hatte, war die Verantwortlichen für ihre Experimente an Menschen zu richten. Er erinnerte sich an den Mann, den er in der Eingangshalle gesehen hatte und sah auf. Der Mann war noch immer dort, vermutlich ebenso überrascht über den Fall des großen Schwarzen wie dieser selbst. Peter hastete über den Platz, zog im Vorbeigehen einem am Boden liegenden das Messe aus der Schulter und betrat dann die Eingangshalle des Komplexes bevor die Soldaten eine Möglichkeit hatten, zu reagieren. Hinter ihm schlossen sich die Türen und eine zweite Glastüre aus Panzerglas versiegelte den Eingangsbereich gegen Eindringlinge von außen. Mr. Tyson hatte dies programmieren lassen, sobald einer der beiden das Haus betreten würde, damit er es nicht mehr verlassen konnte. Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, daß er an seinem Leibwächter vorbeikäme.

 

~Kapitel 13~

 

Jonas saß in seinem Labor und fügte sich seinem Schicksal. Das einzige, was er tun konnte, war die Lebenszeichen der beiden auf dem Monitor zu überwachen. Er hatte die steigenden Adrenalinwerte Peters bemerkt, die über den oberen Rand der Skala hinausreichten und erkannt, daß er sich im Kampf befand. Dann waren auch die Werte Bens gestiegen und Jonas hatte überrascht die Augenbrauen gehoben. Er hatte nicht damit gerechnet, daß Ben ebenfalls kämpfen würde. Dann waren die Lebenszeichen Bens erloschen und Jonas sank fassungslos in seinen Stuhl zurück.

“Sie haben ihn umgebracht!” entfuhr es ihm haßerfüllt und Tränen quollen aus seinen Augen. Er wußte, daß es nur noch eine Frage der Zeit war, bis auch Peter und ihm das selbe Schicksal bevorstand.

 

“Sie sind also der Mann, der hinter allem steckt?” mutmaßte Peter, als er Mr. Tyson gegenüberstand. Dieser hatte den Schrecken überwunden, der ihn nach dem überraschenden Ableben des Schwarzen gepackt hatte und legte nun wieder sein übliches arrogant selbstsicheres Verhalten an den Tag.

“Ich hätte nicht erwartet, daß Sie es bis hierher schaffen würden”, lobte Mr. Tyson Peter. Er verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte schief. “Und daß Sie an meinem Leibwächter vorbeikommen würden.”

“Tut mir leid um ihn”, antwortete Peter schnippisch., er hielt die Hand mit dem Messer leicht hinter dem Rücken, so daß Mr.Tyson es nicht sehen konnte. “Er war einfach nicht gut genug. Haben Sie dieses Experiment veranlaßt?”

Mr. Tyson ließ sich Zeit mit der Antwort, er musterte den Mann, der vor ihm stand eingehend. Und er genoß es, ihn schwitzen zu sehen. Dann nickte er.

“Ja, aber es war ein Fehlschlag”, die Stimme des Mannes war wie Eis und schneidend wie ein Messer. Es traf Peter mitten ins Herz und Mr. Tyson wußte dies genau, denn er hatte es beabsichtigt. “Und dieser Fehler wird korrigiert werden.”

“Ich möchte nur eines wissen”, fragte Peter und seine Stimme gefror ebenfalls. “Warum haben Sie es geplant?”

“Ich habe es geplant, um zu sehen, ob es möglich war”, sagte Mr. Tyson kühl und arrogant. “Es war ein Testlauf für einen Kunden. Und da wir nun die Fehler kennen, können wir sie beim nächsten Mal ausmerzen, ganz einfach.”

“So einfach ist das”, wiederholte Peter wütend, seine Rage steigerte sich weiter. “Nur ein Testlauf, um zu sehen, ob es möglich war. Wir waren nur Versuchskaninchen für irgend so ein krankes Experiment? Dafür ist Ben gestorben, für Ihr Experiment, damit sie es beim nächsten Mal besser machen können?”

“Tut mir leid, wenn Sie nicht Teil eines bedeutenden Experimentes sind”, Mr. Tyson lächelte, dann holte er eine Fernsteuerung aus der Tasche seines Jacketts hervor, die er in die linke Hand nahm und mit der anderen seine Waffe aus dem Holster zog. Damit zielte er auf Peter. “Wissen Sie was das ist?”

“Ihre Fernbedienung für den Helikopter hinter dem Haus?”

“Damit kann ich je nach Belieben einen Sprengsatz auslösen, die ich überall im Haus versteckt habe, also kommen Sie nicht auf die Idee, mich angreifen zu wollen, denn bevor Sie diese Fernsteuerung erreicht haben, sind Sie nur noch eine unangenehme Erinnerung an ein mißlungenes Experiment”, sagte Mr. Tyson und aktivierte die Bombe in der Eingangshalle. “Und sollten Sie mich doch erreichen, so wird die Bombe hochgehen und Sie auch mitnehmen. Dann kommen andere, die den Fehler in Ihrem Experiment bereinigen.”

“Sie sind dann tot”, Peter machte einige Schritte auf Mr. Tyson zu, doch der winkte mit der Funksteuerung. “Sie wollen das wiederholen?”

“Ts, ts”, machte er und sein Grinsen trieb Peter nur noch weiter in Rage. “Sie wollen doch nicht riskieren, daß ich hier den Schalter umlege. Ich werde nun dafür sorgen, daß dieser Fehler in dem Experiment korrigiert wird.”

Mr. Tyson hatte keine Zeit mehr, den Abzug zu betätigen, denn auch er hatte den Mann vor ihm unterschätzt. Er war der Meinung gewesen, daß Peter durch den Tod des anderen aus der Bahn geworfen wurde, verursacht durch den Fehler, den er in seinem erwünschten Verhaltensmuster hatte, einen Fehler, den man bei dem nächsten Versuch ändern wollte. Und er hatte nicht gedacht, daß er bei dem offensichtlichen Fehler in seinem Verhalten riskieren wollte, zu sterben. Aber obwohl er ihn im Kampf gesehen hatte, unterschätzte er ihn, sein einziger und letzter Fehler. Peter schnellte hervor und stürmte auf ihn zu, daß er ihn nicht richtig kommen sah. Peter zog mit einer fließenden Bewegung das Messer hervor und stieß es ihm in den Bauch. Dann hob er beide Hände und zog mit einer schnellen Drehbewegung den Kopf des Mannes zur Seite. Ein leises Knacken war zu hören, als dessen Genick brach. Mr. Tyson fiel mit dem Schwung nach hinten und die Funksteuerung fiel ihm aus der erschlafften Hand. Peter fing sie auf und nach einem kurzen Blick deaktivierte er die Bombe in der Eingangshalle wieder.

“Tja, Ihr Fehler hat sie gerade vom Gegenteil überzeugt”, rief Peter ihm nach, als er mit der Codekarte, die er ihm entwendet hatte, die Glastüre zum Inneren des Komplexes öffnete. Er lief zielstrebig zu dem Labor, aus dem er am vergangenen Tag mit dem anderen, nein mit Ben, korrigierte er sich selbst, entkommen war. Da hatte er sich nicht träumen lassen, je wieder zurückzukehren, und das freiwillig. Aber nun lief er durch die weißen Gänge und er konnte den sterilen septischen Geruch in er Nase spüren, den er an Krankenhäusern so haßte. Es überraschte ihn, daß er im Inneren auf keinerlei Widerstand in Form von Sicherheitswächtern stieß, doch vermutlich hatte dieser Dreckskerl im Eingang in seiner Arroganz nicht damit gerechnet, daß er es im günstigsten Fall viel weiter als bis in die Eingangshalle schaffen würde. Aber er hatte ihn eines besseren belehrt, das hatte ihn innerlich befriedigt und nun wollte dieses miese Stück Abschaum das Experiment wiederholen. Das konnte er nicht zulassen, Ben durfte nicht umsonst gestorben sein. Peter dachte daran, daß Ben wollte, daß er lebte, doch er spürte den Schmerz in seinem Magen, der ihn daran erinnerte, daß es ihm bald so wie Ben gehen würde. Und er wollte keinesfalls so sterben. Diese Männer wollten das Experiment perfektionieren und wiederholen, anderen das antun, was sie ihm angetan hatten. Das konnte er nicht zulassen, denn dann würde einem anderen die Menschlichkeit genommen werden, das hatte er in dem Moment erkannt, als Ben vor ihm auf dem Boden lag. Er war blutrünstig in den Kampf gezogen, hatte es richtiggehend genossen, die Männer zu töten. Die hatten aus ihm eine Kampfmaschine gemacht, den perfekten Killer mit geschärften Sinnen und keinerlei Skrupel zu töten, es hatte ihm innere Befriedigung verschafft und das verursachte einen Ekel, den er für sich selbst empfand. Er realisierte nun, daß Ben sein Gewissen gewesen war, der Teil von ihm, der noch menschlich war. Doch der war auf dem Platz vor dem Haus gestorben. Nun galt es nur noch, die Aufzeichnungen und das Projekt zu vernichten, koste es was es wolle.

Er schob die Codekarte in den Schlitz und die Türe zu Jonas‘ Labor öffnete sich mit einem Zischen. Peter war überrascht, das Labor in einem so unordentlichen Zustand vorzufinden, er hatte den Arzt eigentlich für einen ordentlichen Mann gehalten. Aber das spielte keine Rolle mehr. Jonas drehte sich um, als er die Tür hörte, seine Augen waren von feinen roten Äderchen durchzogen, zeigten, daß er geweint hatte.

“Peter, schön Sie zu sehen”, sagte er erleichtert. “Ich freue mich, daß Sie noch am Leben sind.”

“Habe ich nicht Ihnen zu verdanken!” knurrte Peter ärgerlich. Die Türe fiel hinter ihm ins Schloß und er kam Jonas bedrohlich näher. “Sie haben dieses Experiment durchgeführt, haben uns dieser Prozedur ausgesetzt und nur wegen Ihnen ist Ben tot!”

“Es tut mir leid”, Jonas ließ sich in seinen Stuhl fallen. Er wirkte erschöpft, deprimiert und eine tiefe Traurigkeit klang in seiner Stimme mit. “Ich wollte nicht, daß das passieren würde. Ich wollte nur helfen.”
“Wegen Ihrer Selbstsucht ist ein Mann tot und die anderen gehen auch auf Ihr Konto”, Peter hob seine blutverschmierten Hände und hielt sie Jonas direkt vors Gesicht. Jonas zuckte zurück und blickte entsetzt nach oben.

“Was habe ich getan?” stammelte er fassungslos.

“Was werden Sie wieder tun?” beantwortete Peter für ihn und packte ihn an den Schultern. Er riß ihn aus dem Stuhl hoch und warf ihn an die Wand. Dann nagelte er ihn mit einem Arm dort fest. “Sie werden das Experiment wiederholen, nachdem Sie ja jetzt die Fehler in dem Verfahren kennen und sie beseitigen können, ist es nicht so?”

“Ich kann Ihnen helfen”, erwiderte Jonas eilig, nachdem er bemerkt hatte, daß Peter schmerzvoll das Gesicht verzog. “Ich habe einen Weg gefunden, die Störung zu beseitigen. Wir können von hier fliehen, dann können Sie Ihr normales Leben wieder aufnehmen...”
“Mein normales Leben?” Peter lachte höhnisch und Jonas erkannte den Wahnsinn in seinen Augen. “Ich habe kein normales Leben, das haben Sie mir genommen”, er verstärkte den Druck auf den Hals des Doktors, der röchelnd nach Luft schnappte. “Ich kann nicht einfach so weiterleben, als sei nichts geschehen.”

“Bitte, ich habe nur Befehle befolgt”, bat Jonas zitternd und schnappte nach Luft. Peter ließ ihn los und trat einige Schritte zurück. Er konnte nicht glauben, was er da hörte.

“Sie hatten die Wahl, etwas, daß Sie uns genommen haben!” sagte er bitter. “Sie haben aus mir einen Killer gemacht, Ben ist für Ihr sogenanntes Experiment gestorben und ich werde dafür sorgen, daß es nicht umsonst war.”

“Was haben Sie vor?” fragte Jonas zögernd. Er beobachtete den Mann genau. Dieser Peter Carter war nicht mehr derselbe, den er im Labor gekannt hatte, als er aufgewacht war. Dieser Peter Carter war ein anderer und es war nicht abzuschätzen, was er als nächstes tun würde. Peter holte aus der Hosentasche den Auslöser für die Bomben, den er Mr. Tyson abgenommen hatte hervor und aktivierte alle im Komplex versteckten Bomben.

“Was tun Sie da?” Jonas klang nun alarmiert.

“Ich werde dafür sorgen, daß Sie keinem Menschen mehr schaden können”, antwortete Peter und zeigte ihm die Funksteuerung. “Hiermit werde ich sämtliche Aufzeichungen und Daten über das Projekt, die sich hier befinden, zerstören.”

“Das können Sie nicht machen!” bettelte Jonas flehentlich. “Hier arbeiten viele Unschuldige, die nichts mit der Sache zu tun haben, ich bitte Sie, verschonen Sie diese Leute.”
“Wir waren auch unschuldig und hatten mit Ihren Experimenten nichts zu tun”, erwiderte Peter. “Und Sie haben uns zu dem gemacht, was wir nun sind. Diese Leute sind nicht minder schuldig wie Sie, denn auch sie hatten die Wahl, diesen Posten zu wählen. Wer weiß, an welchen Experimenten die arbeiten...”

Jonas nahm den letzten Rest an Kraft zusammen, den er hatte und wollten Peter den Auslöser entreißen, doch dieser warf ihn mit einer schlichten Handbewegung an die Wand. Er legte den Auslöser auf den Tisch und drehte sich um. Er lachte leise und Jonas konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, daß ein Hauch von Irrsinn in dem Lachen steckte. Als er in die Augen Peters sah, wußte er, daß er einen großen Fehler begangen hatte. Er hatte diesen Mann zerstört und ein Monster geschaffen. Er erkannte, daß Peter gefährlich war, doch er wußte ebensogut, daß es alles seine Schuld war. Er mußte ihn aufhalten, um jeden Preis, auch wenn es ihn schmerzte. Er mußte die Leute in dem Komplex retten. Er selbst mochte vielleicht den Tod verdient haben, doch die anderen nicht. Und er sah darin eine Chance seinen an Ben und Peter begangenen Fehler wiedergutzumachen. Er mußte einfach den Fehler wiedergutmachen, auch wenn er nicht wußte, ob das noch möglich war. Er empfand tiefes Mitleid und große Trauer für den Mann, denn nur durch das, was er getan hatte, hatte er ihn zu dem gemacht, was aus ihm geworden war und das tat ihm unsagbar leid. Er richtete sich auf und versuchte an einen Injektor mit Beruhigungsmittel zu gelangen, der sich im Regal neben ihm befand, doch Peter sah seine  Absicht voraus.

“Sie wollen mich doch nicht aufhalten, Sie Folterknecht!” knurrte er wütend.

“Ich muß meinen Fehler wiedergutmachen”, stammelte Jonas, doch Peter packte ihn mit stahlhartem Griff an der Schulter und drückte ihn fest an die Wand.

“Sie werden es beim nächsten Mal besser machen, stimmt’s?” Peter war nicht in der Stimmung für Entschuldigungen oder Rechtfertigungen. Er sah die Welt wie durch einen roten Schleier, den roten Schleier des Zorns und der unbeschreiblichen Wut. Er hörte den Arzt nicht mehr, wie er sich zu rechtfertigen versuchte, daß er nur Befehle befolgte und nicht verantwortlich war, für das, was sich andere  ausdachten.

“Sie haben das Verfahren erdacht und entwickelt?” fragte Peter gefährlich. Jonas nickte und wollte hinzufügen, daß er erkannt hatte, das es ein Fehler gewesen war, doch er kam nie mehr dazu. Peter packte ihn mit beiden Händen und verdrehte ihm den Hals, dessen Wirbel mit leisem Knacken nachgaben. Dann nahm er ihn an den Schultern und warf ihn achtlos beiseite. Er trat zurück zu seinem Auslöser und kniete in der Mitte des Labors nieder. Dann löste er die Detonation aus.

Im gesamten Gebäude gingen zur gleichen Zeit an verschiedenen Schlüsselstellen Sprengsätze hoch, die Mr. Tyson für den Notfall plaziert hatte. Die weißen Gänge wurden von Feuertürmen eingenommen, die durch die Flure leckten. Das Personal hatte keine Zeit zu reagieren, sie wurden von der Explosion überrascht und verschlungen. In der Eingangshalle schlugen die Flammen bis an die Decke und verschluckten den am Boden liegenden Mr.Tyson auf ihrem Weg der Zerstörung, der sogar bis nach draußen auf den Platz reichte und die am Boden liegenden Soldaten einnahm. Die, die sich noch retten konnten, mußten fassungslos und absolut hilflos zusehen, wie sich der riesige Komplex in Rauch auflöste. Die Flammen schlugen über dem Dach zusammen und eroberten sich ihren Weg ins  Freie, wo sie durch den in Fülle vorhandenen Sauerstoff  nur noch weiter genährt wurden. Im hinteren Teil explodierte ein Lösungsmittel- und Gasflaschenlager und schleuderte die Teile meterhoch in die Luft. Die Plastikverkleidungen in den Räumen schmolzen, die Computer zischten und explodierten ebenfalls. Die Speicherbänder im Keller verschmorten und die darauf gespeicherten Informationen für immer zerstört. Die Flammen beherrschten den Komplex nun und nichts würde sie aufhalten können, bis sie nicht vollständig das Labor zu einer Ruine herunterbrannten. Mr. Tyson hatte dafür gesorgt, daß im Falle der Auslösung die Sprinkleranlage und die Rauchmelder außer Funktion blieben und die Feuerwehr brauchte eine ganze Weile, bis sie auf die Insel kommen könnte. Bis dahin war alles ein Raub der Flammen geworden. Das Licht des Feuers vermischte sich mit den Strahlen der Sonne und ließ die Insel in ein rotes Licht tauchen. Dicke schwarze Rauchwolken stiegen gen Himmel und verdunkelten ihn beinahe vollständig. Die Schreie der Arbeiter verhallten ungehört unter dem Knistern des Feuers und der Hubschrauber hinter dem Haus ermöglichte die Ausbreitung des Feuers auf den Wald als er in einer gewaltigen Explosion in die Luft flog. Das Holz war trocken und die gesamte Insel stand bald in Flammen. Die wenigen Soldaten, die sich retten konnten, wurden von der Feuerwand überrannt, einige wenige hatten es bis zur Küste geschafft und sprangen ins Wasser. Als sie zurückblickten, bot sich ihnen ein groteskes Schauspiel. Die gesamte Insel stand nun in Flammen, ein leuchtender Punkt inmitten des Ozeans. Die Flammen würden solange brennen, solange ihnen Nahrung in Form des Holzes im Wald oder des Komplexes zur Verfügung stand. Sollte die Feuerwehr eintreffen, würde sie nur noch Asche und die Ruinen des Hauses vorfinden.

Peter kniete noch immer im Labor. Er dachte an Ben, der draußen von den Flammen verbrannt wurde. Zufrieden registrierte er, daß der ganze Komplex brannte, er konnte es hören, er konnte auch die Schreie der Mitarbeiter und Soldaten hören, die ebenfalls dem Feuer zum Opfer fielen. Sie befolgten vielleicht nur ihre Befehle, doch sie hatten eine Wahl dies nicht zu tun. Sie hatten sich entschieden und nun mußten sie sich den Konsequenzen ihres Handelns stellen. Auch wenn sie nicht diejenigen waren, die die Bomben warfen, so hatten sie sie gebaut, und das machte sie ebenso schuldig wie den toten Arzt vor ihm, der Versuche an Menschen, an ihm durchgeführt hatte.

“Du bist nicht umsonst gestorben, Ben”, sagte er ins Leere. “Ich werde dafür sorgen, daß niemals mehr ein solches Experiment gemacht werden kann”, er sog scharf die Luft ein, als ein erneuter Schmerz seinen Magen durchzuckte. “ Wir werden aus der Asche vereint aufsteigen, im Geiste und im Blut.”

Er sah sich ein letztes Mal um, er wollte den toten Doktor als letzte Erinnerung behalten, wenn er starb, dann wurde er auch von den Flammen erfaßt und bei lebendigem Leib verbrannt. Er starb mit der Gewißheit, daß nie wieder ein solches Experiment durchgeführt werden würde.

 

Epilog