Das Experiment
von Belladonna
-Epilog-
Es wurde langsam dunkel über der Bucht. Die Wellen schlugen gegen die Felsenküste und krochen auf den Strand, nur um dann wieder ins Meer zurückkehren zu können, aus dem sie gekommen waren. Möwen kreisten lauthals kreischend über dem Wasser und einige kleine Schildkröten, die gerade aus ihren Eiern geschlüpft waren, machten sich auf den Weg in den Ozean, der ihre Heimat sein würde. Irgendwann würden sie an diesen Strand zurückkehren um hier, dem Ort ihrer Geburt neue Eier zu legen und somit den Fortbestand ihrer Art sichern würden. Einige würden vorher einem Räuber zum Opfer fallen, andere würden es gar nicht erst in den Ozean schaffen, doch es würde sie weiterhin geben, denn einige überlebten immer, um an den Ort zurückkehren zu können, an dem sie das erste Mal das Licht der Sonne und den strahlend blauen Himmel erblickten. Das Wasser färbte sich von dem tiefrot der untergehenden Sonne am Horizont über ein helles Orange zu dem tiefen Blau, das es sonst immer hatte. Über den Klippen erhob sich majestätisch ein riesiger beigeweißer Komplex, der wie ein Juwel in der Morgensonne funkelte und auch jetzt, da ihn die Strahlen der Abendsonne in ein mystisches Rot tauchten nichts von seiner Schönheit einbüßte. Es war ruhig auf den Gängen, sie waren alle weiß gestrichen, selbst der Fußbodenbelag war weiß und hatte ab und zu einige dunkle Spritzer. Die Lampen tauchten alles in ein unwirkliches mattes Licht, das die Mitarbeiter blaß erscheinen ließ. Es gab nicht viele Mitarbeiter, die noch spät am Abend arbeiteten, doch dieses Experiment war erst kurz zuvor beendet worden. Im hinteren Trakt, abgelegen von den Laboratorien befanden sich einige Patientenzimmer, die jedoch nicht belegt waren. Ein junger Arzt lief über den Gang zu diesem Teil des Komplexes, hinter ihm folgten zwei kräftige Pfleger, die einen Mann mit sich schleiften. Er schien bewußtlos, sein Kinn fiel ihm auf die Brust und die Arme hingen schlaff herunter. Die Pfleger hielten ihn an beiden Oberarmen und er trug ein Halsband, das bei dem geringsten Fluchtversuch einen Stromstoß in seinen Körper senden würde, der ihn sofort lähmen oder sogar töten konnte. Er trug graue Hosen und ein ebenso graues Shirt, das keine Ärmel hatte. Der Arzt hielt vor sich ein grünes Klemmbrett, das gleichzeitig als Interface zu seinem Computer diente und ihm die Patientendaten aufzeigte, wenn er es wünschte. Der Arzt war ein hagerer großer Mann, dessen dunkelblonde Haare sich an den Seiten und der Stirn langsam lichteten. Er schob sich die Brille auf die Nase und schob eine Codekarte durch den Schlitz. Dann legte er die Handfläche auf den Scanner und nach der Bestätigung seiner Identität wurde ihm Einlaß gewährt. Dies war eine reine Sicherheitsmaßnahme, damit die Patienten nicht entkommen konnten. Der Arzt trat beiseite und ließ die beiden Pfleger vorgehen, die den Mann mit sich zogen. Dessen Füße schleiften über den Boden und er zeigte keinerlei Anzeichen, daß er mitbekam, was um ihn herum passierte. Der Arzt sah auf seinen Diagnoseblock und schrieb einiges auf. Er trug einen weißen Ärztekittel, über der Brust war das Zeichen der Firma eingestickt, für die er tätig war, eine Doppelhelix der DNA und seinen Namen konnte man an dem Namensschild ablesen, das von seinem Kragen baumelte: Dr. Michael Jonas. Er betrat den Gang nach den beiden Pflegern.
“Einen schönen Abend noch, Dr. Jonas”, wünschte ihm die Voderstimme, als sich hinter ihm die Tür schloß. Er folgte den Pflegern zu dem Patientenzimmer, doch er mußte ihnen nicht zeigen welches es war, da sie diesen Weg nicht das erste Mal mit diesem Patienten gingen. Jonas öffnete die Türe des vorletzten Zimmers und die beiden Pfleger schleiften ihn hinein, dann ließen sie ihn achtlos in die Ecke auf den Boden fallen. Sie verließen das Zimmer wieder und ließen Jonas alleine. Dieser stand in der Türe und beobachtete den Mann, der sich langsam aufrichtete. Jonas spürte, daß er nicht mehr alleine war und drehte sich zu den Neuankömmlingen um. Hinter ihm stand der Direktor des Komplexes, in Begleitung seines Leibwächters, eines bulligen Schwarzen, dessen kahler Kopf die matten Halogenlampen reflektierte. Er trug einen nichtssagenden Gesichtsausdruck zur Schau, doch Jonas wußte, daß man diesen Mann nicht unterschätzen sollte. Der Direktor nahm seine Zigarre aus dem Mund und blies den Rauch in die Luft. Er trug einen dunklen Anzug, seine dunklen Haare waren zurückgekämmt und ein Blick aus seinen dunklen Augen konnte das Blut in den Adern gefrieren lassen. Er musterte Jonas eindringlich, dann warf er einen flüchtigen Blick auf den Mann in dem Zimmer, das mehr einer Zelle glich, denn die Fenster waren vergittert.
“Nun, Dr. Jonas, wie verläuft Ihr kleines Experiment?”, erkundigte er sich eisig, doch man konnte die Neugier deutlich hören. Jonas begegnete seinem Blick und hielt ihm mit der gleichen Intensität stand.
“Das Experiment verläuft planmäßig”, erwiderte Jonas und seine Stimme enthielt nicht die geringste Spur von Wärme oder Menschlichkeit. “Wir haben heute eine weitere Testreihe durchgeführt und das Testobjekt reagierte auf eine äußerst interessante Art und Weise, die ich nicht vorausgesehen hatte. Ich muß noch die Ergebnisse auswerten, doch ich bin sicher, daß die Versuche mit Nummer 9 uns einige aufschlußreiche Entdeckungen zu bieten haben. Er ist ein außerordentlich vielversprechendes Testobjekt. Ich werde morgen mit einem neuen Szenario beginnen, mal sehen, wie er darauf reagiert.”
“Gut, Doktor”, der Direktor nahm noch einen Zug an seiner Zigarre. “Ich finde es erstaunlich, wie Sie diese neue Methode einsetzen, diese Simulationen abhalten und so. Das ist ein sehr gewagtes Experiment. Kann es dabei nicht zu Schäden an den Testpersonen kommen?”
“Das Verfahren ist noch im Testlauf”, erwiderte Jonas kühl. Er zuckte mit den Achseln und fuhr dann fort zu erklären, daß es bei den Simulationen zwar schon zu Gehirnschäden kommen könne, immerhin dringe man ja in die Nervenzentren ein, um die Neuroimplantate anzubringen.
“Doch bei jedem Versuch gibt es Fehlschläge, die einkalkulierbar sind”, Jonas lachte hart. “Das sind Verluste, die man verschmerzen kann. Es müssen nun einmal Opfer gebracht werden, für den Fortschritt der Wissenschaft, nicht wahr?”
“Was immer Sie sagen, Doktor”, stimmte ihm der Direktor zu. “Sie haben freie Hand bei dieser Sache, das ist Ihr Baby. Ich werde morgen Ihren Bericht auf meinem Schreibtisch finden?”
“Selbstverständlich, so wie immer”, versicherte ihm Jonas, dann verschwand der Direktor mit seinem Begleiter, der von Jonas “Pitbull” genannt wurde. Er kannte nicht einmal den richtigen Namen des Schwarzen, nur dessen Arbeit und die erledigte er, wie ein Pitbull. Hatte er einen Auftrag, so ließ er sich durch nichts davon abbringen, diesen zu erledigen, wie ein Pitbull eben, der sich in sein Opfer verbissen hatte. Dann wandte er sich seiner Nummer 9 wieder zu. Er prüfte die Biodaten über das Implantat in dessen Nacken und quittierte mit einem grausamen Lächeln, daß er keinerlei Schäden durch die Simulation genommen hatte. Er konnte morgen also ein neues Szenario starten. Der Mann in der Zelle kroch in die hinterste Ecke, wo er die Knie anzog und die Arme um sie schlang. Seine blonden Haare waren fettig und verfilzt, die Nägel seiner Hände schmutzig und abgebrochen, von den Versuchen, dem Gefängnis zu entfliehen. Die Bartstoppeln rieben über den Stoff des Hemdes, als sein Kinn auf die Brust fiel, es war mehr als nur ein Dreitagebart, doch da er kein Mann war, der üppiges Bartwachstum sein eigen nennen konnte, konnte er nicht genau sagen, wie lange er sich bereits in dem Komplex befand. Seine Hose war an den Knien aufgerissen und die Haut darunter fleckig und voller Blutergüsse, der übrige Körper war in ähnlichem Zustand. Das ärmellose Shirt ließ den Blick auf die Tätowierung zu, die der Mann auf einem Oberarm trug, eine sich aufbäumende Kobra. Die blauen Augen des Mannes wirkten leblos, sein Blick reichte ins Leere und war fassungslos, fassungslos von dem, was man ihm angetan hatte. Man hatte mit ihm experimentiert, ihn in unzähligen Simulationen verschiedenen Szenarien ausgesetzt, immer und immer wieder, ohne daß ihm dieser Arzt auch nur einmal den Grund hierfür genannt hatte. Er war ein Monster, eiskalt hatte er mit den anderen das gleiche getan, wie mit ihm und dafür gesorgt, daß man die Leichen der Fehlschläge fachgerecht entsorgen würde. Fehlschläge, das klang so harmlos. Diese sogenannten Fehlschläge waren die Testpersonen, die schwere Gehirnschäden durch die Experimente davontrugen oder bei den Tests starben. Sie hatten es wenigstens hinter sich. Der Mann hatte oft nach draußen durch das kleine Fenster geblickt und gehofft, es gäbe einen Weg dieser Hölle zu entkommen, doch alles, was er sah, waren die Möwen, die über der Bucht kreisten und den unendlichen Ozean. Er hatte zahllose Sonnenaufgänge und –untergänge gesehen, er hatte aufgehört zu zählen, als er sein Zeitgefühl verloren hatte. Nummer 9 wußte nicht mehr genau, welches die Realität war und welches die von Jonas geschaffenen Simulationen, es waren zu viele. Es war wie ein Traum, nur das er nicht aufhörte, wenn man die Augen öffnete. Das einzige, das ihn an der Realität hielt und ihn sie von diesen Täuschungen unterscheiden ließ, war der Haß, den er für dieses Monster, das sich Arzt nannte, hielt. Zu anfangs, und das war bereits länger her, als er sich erinnern konnte, oder kam dies von dem verlorenen Zeitgefühl, hatte er noch die Hoffnung gehegt, daß er entkommen konnte oder ihn jemand aus dem Labor befreite, doch nun wünschte er, wenn jemand käme und ihn dieser jemand nicht retten konnte, ihn töten würde. Es gab kein Entkommen, nicht für ihn. Dieser Arzt hatte ihm alles genommen, was er besessen hatte, sein Leben, seine Identität und seinen Geist. Doch seinen Willen würde er nicht brechen können, seine Gedanken waren frei und dies könnte ihm niemand nehmen.
“Gute Nacht”, wünschte Jonas höhnisch lächelnd und Nummer 9 nahm all seine Kraft zusammen, um den Kopf zu heben und ihm entgegen zu spucken. In seinen Augen leuchtete das Feuer des Hasses und der Wut, das einzige, das ihm geblieben war, denn die Hoffnung hatte er schon lange verloren. Als er den Kopf hob und die Haare aus der Stirn schüttelte, wurde eine Narbe über einem Auge sichtbar, die von Schmutz und Blutergüssen beinahe verdeckt wurde. Jonas lachte nur noch höhnischer und Nummer 9 wußte, daß er immer weiter machen würde, bis er ihm dieses Feuer des Hasses auch noch genommen hatte und ihn so völlig brechen würde. Aber diese Genugtuung würde er ihm nicht bieten. Eher würde er sterben und das hoffte er inständig. Die anderen, die er bei den Experimenten hatte sterben sehen waren der Hölle entkommen. Sie hatten es hinter sich und das war alles, worauf Nummer 9 noch hoffen konnte, einen schnellen Tod. Er funkelte dem Arzt hinterher, als der die Türe schloß und den Schuber vor das Sichtfenster schob. Bei dem Knall, als Holz auf Holz schlug, zuckte Nummer 9 zusammen und er lehnte sich zurück. Er wußte, daß dieser sogenannte Wissenschaftler nun in sein Labor zurückkehren würde und die Ergebnisse der letzten Testreihe auswertete, wie er es jeden Abend tun würde. Dann würde er wohl zu seiner Familie fahren und sein anderes Gesicht zeigen, das des netten Familienvaters und liebevollen Ehemannes. Nummer 9 wunderte sich, ob dessen Familie überhaupt wußte, womit er sein Geld verdiente, seine andere Seite kannte, er wunderte sich, wie jemand sich so sehr verstellen konnte. Diese andere Seite, in der er jegliche Menschlichkeit verlor und zum Killer und Folterknecht wurde, im Namen der Wissenschaft. Hatten diese Ärzte nicht so etwas, wie einen Eid, der sie verpflichtete, keinem Patienten Leid zuzufügen? Dieser Arzt mußte wohl den Teil des Studiums verpaßt haben. Er arbeitete, um den Patienten Leid zuzufügen. Dieser Mann war kein Mensch, er war schlimmer als ein Tier. Diese Kälte, die ihn dem Mann herrschte stellte sogar die Arktis in den Schatten. Er half den Patienten nicht. Er hatte ihm seine Identität genommen, ihn aus seinem Leben gerissen und ihn ohne daß er damit einverstanden war, in dieses Gefängnis gesteckt. Ein Gefängnis, aus dem der einzige Ausweg der Tod war. Dieses Tier überwachte die Experimente ohne auch nur eine Spur von Menschlichkeit zu zeigen. Er und die Pfleger hatten ihn mit Drogen so vollgepumpt, daß er nicht einmal mehr seinen eigenen Namen wußte, wenn nicht der einzige Hinweis auf seine frühere Identität, bevor er Jonas‘ Nummer 9 wurde, das Armband an seinem Handgelenk wäre, auf dem sein Name eingraviert war: Benjamin Peter Carter.